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Der Morgen · 1925-10-01 · Heft 4 (Oktober 1925) · p. 444

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 4 (Oktober 1925)
Article
Das neue Denken
Date
1925-10-01
Page
444 (sequence 19)
Language
German
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Franz Rosenzweig ich es in ihnen wieder- und weitergegeben. Einem Christen wären, das weiß ich, statt der meinen Worte des Neuen Testaments auf die Lippen gekommen, einem Heiden, so denke ich, zwar nicht Worte seiner heiligen Bücher — denn deren Aufstieg führt von der Ursprache der Menschheit ab, nicht wie der Erdenweg der Offenbarung zu ihr hin —, aber vielleicht ganz eigene. Mir aber diese. Und dies doch wohl ist ein jüdisches Buch: nicht eins, das von „jüdischen Dingen" handelt, denn dann wären die Bücher der protestantischen Alttestamentier jüdische Bücher; sondern eins, dem für das, was es zu sagen hat, und grade für das Neue, was es zu sagen hat, die alten jüdischen Worte kommen. Jüdische Dinge sind, wie Dinge überhaupt, stets vergangen; jüdische Worte aber haben, ob auch alt, teil an der ewigen Jugend des Worts, und wenn ihnen die Welt aufgetan wird, so erneuern sie die Welt Aber so bleibt das Wunder, daß es nun dennoch Gestalthaftes gibt, und unvergehendes. Zwar nicht in der wirklichen Welt des allzeit erneuerten Lebens, da ist nur das Gegenwärtige gegenwärtig, und das Vergangene nur gewesen, das Zukünftige nur kommend. Aber von diesen dreien ist ja Zeit im zeitlichsten Sinn nur die Gegenwart Und wie die Gestalten des Heidentums gleich einer Schopfungsvergangenheit in die Gegenwart hineinragen, so wird auch die Erlösungszukunft vorweggenommen in ewigen Gestalten. An den Himmel über der zeitlichen Welt wirft der Fluß des Geschehens glänzende Bilder, und die bleiben. Es sind nicht Urbilder, im Gegenteil sie wären nicht, wenn nicht der Strom der Wirklichkeit aus seinen drei unsichtbar-geheimen Quellen fort und fort hervorbräche. Ja jene unsichtbaren Geheimnisse werden in diesen Bildern selbst bildhaft, und der stete Ablauf des Lebens rundet sich zur wiederkehrenden Form. Judentum und Christentum sind diese beiden ewigen Zifferblätter unter dem Wochen- und Jahreszeiger der stets erneuerten Zeit In ihnen, ihrem Jahr, bildet sich der unabbildbare, nur erleb- und erzählbare Ablauf der Weltzeil zum geformten Abbild; in ihrem Gott, ihrer Welt, ihrem Menschen wird das auf der Bahn des Lebens nur erfahrbare, nicht aussprechbare Geheimnis Gottes, der Welt, des Menschen aussprechbar; was Gott, was die Well, was der Mensch „ist", wissen wir nicht, sondern nur was sie tuen oder was an ihnen getan wird; aber wie der jüdische oder der christliche Gott, die jüdische oder die christliche Welt, der jüdische oder der christliche Mensch aussehen, das können wir ganz genau wissen. Anstelle der seienden Substanzen, die nur als geheime Voraussetzungen der allzeiterneuerten Wirklichkeit immer - 444

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