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Der Morgen · 1925-10-01 · Heft 4 (Oktober 1925) · p. 443

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 4 (Oktober 1925)
Article
Das neue Denken
Date
1925-10-01
Page
443 (sequence 18)
Language
German
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Das neue Denken grade in seiner Selbständigkeit und Formgewordenheit hat es keinen Teil an der Wirklichkeit Die Tempel der Götter sind mit Recht verfallen, ihre Standbilder stehen mit Recht im Museum, ihr Dienst, soweit er geordnet und geregelt war, mag eine einzige ungeheure Verirr ung gewesen sein, — aber das Stoßgebet, das sich aus gequälter Brust zu ihnen emporrang, und die Träne, die der karthagische Vater, der seinen Sohn zum Molochopfer führte, vergoß, können nicht ungehört, nicht ungesehn geblieben sein. Oder sollte Gott auf den Sinai oder gar auf Golgatha gewartet haben? Nein, sowenig wie vom Sinai oder von Golgatha Wege führen, auf denen er mit Sicherheit erreicht wird, sowenig kann er sichs versagt haben, auch dem, der ihn auf den Saumpfaden um den Olymp suchte, zu begegnen. Es gibt keinen gebauten Tempel, der ihm so nah wäre, daß der Mensch sich dieser Nähe getrösten dürfte, und keinen, der ihm so fern wäre, daß sein Arm nicht leicht auch dorthin langen könnte, keine Richtung, aus der er nicht kommen könnte, keine, aus der er kommen müßte, keinen Holzklotz, in dem er nicht vielleicht einmal Wohnung nimmt, und keinen Davidspsalm, der sein Ohr immer erreicht Die Sonderstellung von Judentum und Christentum besteht grade darin, daß sie, sogar wenn sie Religion geworden sind, in sich selber die Antriebe finden, sich von dieser ihrer Religionshaftigkeit zu befreien und aus der Spezialität und ihren Ummauerungen wieder in das offene Feld der Wirklichkeit zurückzufinden. Alle historische Religion ist von Anfang an spezialistisch, „gestiftet"; nur Judentum und Christentum sind spezialistisch erst, und nie auf die Dauer, geworden und gestiftet nie gewesen. Sie waren ursprünglich nur etwas ganz „Unreligiöses", das eine eine Tatsache, das andre ein Ereignis. Religion, Religionen sahen sie um sich her, sie selber wären höchst verwundert gewesen, auch als eine angesprochen zu werden. Erst ihre Parodie, der Islam, ist von vorneherein Religion und will garnichts andres sein; er ist mit Bewußtsein „gestiftet". Die sechs Stellen in diesem Band, wo er behandelt wird, stellen also die einzige im strengen Sinn reHgionsphilosophische Partie in dem Buch dar. Aber das „jüdische Buch"? als das es sich doch schon durch das Titelblatt anzeigt? Ich möchte so leise sprechen können, wie der Dichter, wenn er seine gewaltig ausgreifende Fuge über das Thema der kosmischen Schönheit schließt mit der unvergeßlichen Einführung: Mir erschien sie in Jugend-, in Frauengestalt, — um das ganz wahr sagen zu können, was ich nun zu sagen habe. Ich habe das neue Denken in diesen alten Worten empfangen, so habe 443 28

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