Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das neue Denken
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 440 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Franz Bosenzweig der Erzählung sein oder der Antwortende des Zwiegesprächs oder der Mitsprecher des Chors; während Denken immer einsam ist, mag es auch gemeinsam zwischen mehreren „Symphilosophierenden" geschehen: auch dann macht der andre mir nur die Einwände, die ich mir eigentlich selbst machen müßte, — worauf ja die Langweiligkeit der meisten philosophischen Dialoge, auch des überwiegenden Teils der platonischen, beruht Im wirklichen Gespräch geschieht eben etwas; ich weiß nicht vorher, was mir der andre sagen wird, weil ich nämlich auch noch nicht einmal weiß, was ich selber sagen werde; ja vielleicht noch nicht einmal, daß ich überhaupt etwas sagen werde; es könnte ja sein, daß der andre anfängt, ja es wird sogar im echten Gespräch meist so sein; wie man sich bei einem vergleichenden Blick in die Evangelien und die sokratischen Dialoge leicht überzeugen kann; Sokrates bringt meist das Gespräch erst in Gang, in den Gang einer philosophischen Diskussion nämlich. Der Denker weiß ja eben seine Gedanken im Voraus; daß er sie „ausspricht", ist nur eine Konzession an die Mangelhaftigkeit unsrer, wie er es nennt, Verständigungsmittel; die nicht darin besteht, daß wir Sprache, sondern darin, daß wir Zeit brauchen. Zeit brauchen heißt nichts vorwegnehmen können, alles abwarten müssen, mit dem Eigenen vom andern abhängig sein. Das alles ist dem denkenden Denker völlig undenkbar, während es dem Sprachdenker einzig entspricht Sprachdenker — denn natürlich ist auch das neue, das sprechende Denken ein Denken, so gut wie das alte, das denkende Denken nicht ohne inneres Sprechen geschah; der Unterschied zwischen altem und neuem, logischem und grammatischem Denken liegt nicht in laut und leise, sondern im Bedürfen des andern und, was dasselbe ist, im Ernstnehmen der Zeit: denken heißt hier für niemanden denken und zu niemandem sprechen (wobei man für niemanden, wenn einem das lieblicher klingt, auch alle, die berühmte „Allgemeinheit", setzen kann), sprechen aber heißt zu jemandem sprechen und für jemanden denken; und dieser Jemand ist immer ein ganz bestimmter Jemand und hat nicht bloß Ohren wie die Allgemeinheit, sondern auch einen Mund. In dieser Methode konzentriert sich das, was von dem Buch an Erneuerung des Denkens ausgehen kann. Sie ist zuerst entdeckt von Feuerbach, dann in die Philosophie, obzwar ohne Bewußtsein ihrer umstürzenden Kraft, wieder eingeführt von Hermann Cohen im Nachlaßwerk; jene Stellen bei Cohen waren mir, als ich schrieb, schon bekannt; doch verdanke ich diese für das Zustandekommen des Buchs entscheidende Beeinflussung nicht ihnen, sondern 440