Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das neue Denken
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 439 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895456-2896252--00520-2896330- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das neue Denken „Seins" wird hier vorausgesetzt, denn wären sie nicht getrennt, so könnten sie einander nichts tun; wäre der andre mit mir „im tiefsten Grunde" derselbe, wie es Schopenhauer will, so könnte ich ihn grade nicht lieben, ich liebte ja dann nur mich; wäre Gott „in mir" oder „nur mein höheres Ich", welches Friseurgehilfendogma neben dem andern, daß er das herrliche All ist, beim Eintritt in manche Jugendbünde unterschrieben werden muß, so wäre das nicht bloß eine unnütze sprachliche Verunklärung eines sonst klaren Verhältnisses, sondern vor allem hätte dieser Gott mir schwerlich etwas zu sagen, denn was mein höheres Ich mir zu sagen hat, weiß ich auch so; und wäre ein Mensch „gotthaft", wie es ein begeisterter deutscher Professor unter dem Eindruck von Rabindranath Tagores Mantel verkündet hat, so wäre diesem Menschen der Weg zu Gott versperrt, der jedem menschhaften Menschen offen steht So wichtig ist die vorausgesetzte Trennung des „Seins", von der doch nun weiterhin gar nicht mehr gesprochen wird.- Denn in der Wirklichkeit, die wir einzig erfahren, wird sie überbrückt, und alles, was wir erfahren, sind Erfahrungen solcher Brückenschläge. Gott selber, wenn wir ihn begreifen wollen, verbirgt sich, der Mensch, unser Selbst, verschließt sich, die Welt wird zum sichtbaren Rätsel. Nur in ihren Beziehungen, nur in Schöpfung, Offenbarung, Erlösung, tuen sie sich auf. Und nun wird dies große Weltgedicht in drei Zeiten nacherzählt Erzählt doch eigentlich nur im ersten, dem Buch der Vergangenheit In der Gegenwart weicht die Erzählung der unmittelbaren Wechselrede, denn von Gegenwärtigen, seien es Menschen oder Gott, läßt sich nicht in der dritten Person sprechen, sie können nur gehört und angesprochen werden. Und im Buch der Zukunft herrscht die Sprache des Chors, denn das Zukünftige erfaßt auch der Einzelne nur wo und wenn er Wir sagen kann. So entspringt der Zeitlichkeit des neuen Denkens seine neue Methode. In allen drei Büchern zwar, doch aber am sichtbarsten im Herzbuch dieses Bandes und so des Ganzen, im zweiten, dem Buch der gegenwärtigen Offenbarung. An die Stelle der Methode des Denkens, wie sie alle frühere Philosophie ausgebildet hat, tritt die Methode des Sprechens. Das Denken ist zeitlos, will es sein; es will mit einem Schlag tausend Verbindungen schlagen; das Letzte, das Ziel ist ihm das Erste. Sprechen ist zeitgebunden, zeitgenährt; es kann und will diesen seinen Nährboden nicht verlassen; es weiß nicht im voraus, wo es herauskommen wird; es läßt sich seine Stichworte vom andern geben. Es lebt überhaupt vom Leben des anderen, mag der nun der Hörer 439