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Der Morgen · 1925-10-01 · Heft 4 (Oktober 1925) · p. 438

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 4 (Oktober 1925)
Article
Das neue Denken
Date
1925-10-01
Page
438 (sequence 13)
Language
German
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Franz Rosenzweig höchste Ruhmestitel war, den sich die Philosophie bisher beilegte. So wenig wie man ein Gespräch auch von hinten beginnen könnte oder einen Krieg mit dem Friedensschluß (was allerdings die Pazifizisten gern möchten) oder das Leben mit dem Tode, sondern man muß wohl oder übel tätig und leidend abwarten lernen, bis es soweit ist, und darf keinen Augenblick überspringen, so ist auch das Erkennen in jedem Augenblick gebunden eben an diesen Augenblick und kann seine Vergangenheit nicht unvergangen, seine Zukunft nicht unzukünftig machen. Das gilt von alltäglichen Dingen, und für die gibt es jeder zu. Jeder weiß, daß für einen behandelnden Arzt etwa die Behandlung Gegenwart, die Erkrankung Vergangenheit und die Feststellung des Todes Zukunft ist und daß es keinen Sinn hat, wenn er aus dem Tic des zeitlosen Erkennens heraus etwa versuchen wollte, in der Diagnose Wissen und Erfahrung, in der Therapie Kühnheit und Eigensinn, in der Prognose Furcht und Hoffnung auszuschalten. So auch glaubt niemand, der einen Kauf abschließt, im Ernst, die Ware vorher, im Stadium der Kauflust, so sehen zu können, wie er sie nachher, im Stadium der Reue, sieht Das gilt aber genau so auch im Letzten und Höchsten, das man allgemein nur zeitlos erkennen zu können meint. Was Gott getan hat, was er tut, was er tun wird, was der Welt geschehen ist, was ihr geschehen wird, was dem Menschen geschieht, was er tun wird — das alles kann nicht von seiner Zeitlichkeit losgelöst werden, also daß man etwa das kommende Reich Gottes erkennen könnte wie man die geschaffene Schöpfung erkennen kann oder die Schöpfung so ansehen dürfte wie man das Reich der Zukunft ansehen darf; genau so wenig wie der Mensch sich den Blitzstrahl der immer nur gegenwärtigen Erfahrung zur Vergangenheit verkohlen lassen darf und ebenso wenig ihn von der Zukunft erwarten, denn er ist immer nur gegenwärtig und auf ihn warten ist das sicherste Mittel, ihn am Einschlagen zu verhindern; und genau so wie die menschliche Tat nur, solange sie noch bevorsteht, Tat ist und wenn getan nur noch ein bloßes, von allem andern ununterschiedenes Geschehen. So unverwechselbar sind die Zeiten der Wirklichkeit Wie jedes einzelne Geschehen seine Gegenwart, seine Vergangenheit, seine Zukunft hat, ohne die es nicht oder nur verzerrt erkannt wird, so auch die Wirklichkeit im Ganzen. Auch sie hat ihre Vergangenheit und Zukunft, und zwar eine immerwährende Vergangenheit und eine ewige Zukunft Gott, Welt, Mensch erkennen heißt erkennen, was sie in diesen Zeiten der Wirklichkeit tun oder was ihnen geschieht Aneinander tun und voneinander geschieht Die Trennung ihres 438

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