Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das neue Denken
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 437 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Das neue Denken seine Erzählung zwar ein, aber das Interesse liegt nicht auf ihnen, sondern auf dem Verbum, dem Zeit-wort Die Zeit nämlich wird ihm ganz wirklich. Nicht in ihr geschieht, was geschieht, sondern sie, sie selber geschieht Die Reihenfolge der drei Bücher des ersten Bandes war ganz zufällig; jede der vier andern Möglichkeiten wäre genau so möglich gewesen. Wesen will nichts von Zeit wissen. Jetzt im Mittelbande wird die Reihenfolge nicht bloß wichtig, sondern sie ist das eigentlich Wichtige, was mitgeteilt werden soll. Sie ist schon selber das neue Denken, von dem ich zu Anfang sprach. Wenn etwa das alte sich das Problem stellte, ob Gott transzendent oder immanent sei, so versucht das neue zu sagen, wie und wann er aus dem fernen zum nahen Gott wird and wieder aus dem nahen zum fernen. Oder wenn die alte Philosophie die Alternative Determinismus-Indeterminismus aufstellt, so folgt die neue etwa dem Weg der Tat aus der Bedingtheit des Charakters und dem zerrenden Gestrüpp der Motive durch den einen leuchtenden Gnadenaugenblick der Wahl zu einem Müssen, das jenseits aller Freiheit ist, und überwindet so die Schwankungen jener Alternative, die den Menschen entweder ein auf geschminktes Stück Welt oder einen verkappten Gott „sein" zu lassen genötigt ist Die neue Philosophie tut da nichts andres, als daß sie die „Methode" des gesunden Menschenverstandes zur Methode des wissenschaftlichen Denkens macht Worin unterscheidet sich denn der gesunde Menschenverstand vom kranken, der sich, genau wie die alte Philosophie, die Philosophie des „philosophischen Staunens" — Staunen heißt Stillestehn —, in eine Sache verbeißt und sie nicht eher loslassen möchte, bis er sie ganz „hat"? Er kann warten, weiterleben, er hat keine „fixe Idee", er weiß: kommt Zeit, kommt Rat Dieses Geheimnis ist die ganze Weisheit der neuen Philosophie. Sie lehrt, mit Goethe zu sprechen, das „Verstehen zur rechten Zeit" — Warum ist Wahrheit fern und weit, Birgt sich hinab in tiefste Gründe? Niemand versteht zur rechten Zeit! — Wenn man zur rechten Zeit verstünde: So wäre Wahrheit nah und breit, Und wäre lieblich und gelinde. Das neue Denken weiß genau wie das uralte des gesunden Menschenver*- stands, daß es nicht unabhängig von der Zeit erkennen kann, — was doch der 437