Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das neue Denken
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 436 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Rosenzweig Die Erfahrung erfährt also nicht die Dinge, die beim Denken über die Erfahrung allerdings als letzte Tatsachlichkeiten sichtbar werden; aber was sie erfährt, erfährt sie an diesen Tatsächlichkeiten. Und deshalb ist es für eine reinliche und vollständige Darstellung der Erfahrung so wichtig, zuvor jene Tatsächlichkeiten rein herausgestellt zu haben und dem Hange des Denkens zu ihrer Verwechslung entgegengetreten zu sein. Sie sind das Personenverzeichnis, der Theaterzettel, der ja auch nicht ein Teil des Dramas selber ist und den man doch gut tut vorher zu lesen. Oder anders gesagt: das Eswareinmal, mit welchem alle Märchen anfangen, aber eben nur anfangen, und das im Laufe des Märchens und im Flusse seiner Erzählung nicht noch einmal vorkommen kann. Das ist sogar das genauere Gleichnis. Denn wenn der erste Band die alte Frage der Philosophie: was ist? beantwortet hatte und nachdem er es so getan hatte, daß dem Einheitstriebe des philosophischem Denkens das Bishierherundnichtweiter der Erfahrung zugerufen war, kann nun im zweiten die erfahrene Wirklichkeit selber dargestellt werden. Nicht mit den Mitteln der alten Philosophie, die ja nicht über die, meist falsch, aber höchstenfalls richtig beantwortete Frage nach dem „Seienden" hinausreichen, — und das Wirkliche „ist" nicht So wird die Methode des zweiten Bandes eine andre sein müssen, eben die unsres letzten Gleichnisses: eine Methode des Erzählens. Eine erzählende Philosophie hat Schelling in der Vorrede seines genialen Fragments „Die Weltalter" geweissagt Der zweite Band versucht sie zu geben. Was heißt denn erzählen? Wer erzählt, will nicht sagen, wi,e es „eigentlich*' gewesen, sondern wie es wirklich zugegangen ist Auch wenn der große deutsche Historiker in seiner bekannten Definition seines wissenschaftlichen Wollens jenes und nicht dieses Wort gebraucht, meint er es doch so. Der Erzähler will nie zeigen, daß es eigentlich ganz anders war — es ist gradezu Kennzeichen des schlechten, begriffsversessenen oder sensationslüsternen, Historikers, darauf auszugehen —, sondern er will zeigen, wie das und das, was als Begriff und Name in aller Mund ist, etwa der dreißigjährige Krieg oder die Reformation, eigentlich geschehen ist Auch ihm löst sich da etwas bloß Wesenhaftes, ein Name, ein Begriff, auf, aber nicht in ein andres ebenso nur Wesenhaftes, sondern in seine eigene Wirklichkeit, genauer seine eigene Verwirklichung. Ist-Sätze wird er überhaupt kaum bilden, selbst War-Sätze wie gesagt höchstens zu Anfang; Substantive, also Substanzworte, gehen in 436