Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das neue Denken
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 435 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Das neue Denken Trotz. Die geistigen Gestalten, die in der Weltgeschichte nur hier, nur in Spenglers „apollinischer Kultur", isoliert waren und dadurch sichtbar wurden, sind in allem Leben als seine geheimen unsichtbaren Voraussetzungen mit enthalten, einerlei ob dieses Leben älter oder jünger ist, einerlei ob es selber historische Gestalt geworden ist oder historisch unsichtbares Leben geblieben. Das ist die Klassizität des klassischen Altertums — und der Grund weshalb der erste Band des Sterns, indem er die elementaren Inhalte der Erfahrung gereinip* von den Mischungen, die das Denken an ihnen vornehmen möchte, herauszustellen sucht, eben hierin eine Philosophie des Heidentums werden muß. Das er nun selber wieder, gemäß der konstruktiven Ableitung der drei „Substanzen", aus geschichtlichen Gestalten aufbaut, wobei es den Lieblingen der Moderne, den „Geistesreligionen des fernen Ostens", schlecht ergeht. Das Heidentum ist also durchaus kein bloßer religionsphilosophischer Kinderschreck für Erwachsene, als welchen es die Orthodoxie früherer Jahrhunderte und komischerweise neuerdings wieder Max Brods bekanntes Buch verwendet Sondern es ist — nicht mehr und nicht weniger als die Wahrheit. Die Wahrheit freilich in elementarer, unsichtbarer, un-offenbarer Form. Sodaß es also überall, wo es nicht elementar, sondern das Ganze, nicht unsichtbar, sondern Gestalt, nicht geheim, sondern Offenbarung sein will, zur Lüge wird. Aber als Element und Geheimnis im Ganzen und Sichtbaren und Offenbaren ist es immerwährend. So immerwährend wie die großen Gegenstände, die „Substanzen" des Denkens, in der wirklichen, ungegenständlichen und unsubstantiellen, Erfahrung. Denn die Erfahrung weiß ja nichts von Gegenständen; sie erinnert sich, sie erlebt, sie hofft und fürchtet Allenfalls den Inhalt der Erinnerung konnte man als Gegenstand verstehen; das wäre dann eben ein Verstehen, und nicht der Inhalt selbst Denn der wird ja nicht erinnert als mein Gegenstand'; es ist nichts als ein Vorurteil der letzten drei Jahrhunderte, daß in allem Wissen das „Ich" mit dabei wäre; also daß ich keinen Baum sehen könntc-j ohne daß „ich" ihn sähe. In Wahrheit ist mein Ich nur dabei, wenn es — dabei ist; wenn also z. B. ich betonen muß, daß ich den Baum sehe, weil ein andrer ihn nicht sieht; dann ist in meinem Wissen allerdings der Baum in Verbindung mit mir; aber immer sonst weiß ich nur von dem Baum und von nichts anderm; und die philosophieübliche Behauptung der Allgegenwart des Ich in allem Wissen verzerrt den Inhalt dieses Wissens. 435