Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das neue Denken
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 434 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Rosenzweig Was aber wissen wir denn nun von ihnen außer und zwischen jenem Alles und Nichts? Immerhin doch auch Etwas, nämlich eben das, was wir mit den Worten göttlich, menschlich, weltlich meinen. Wir meinen ja damit etwas ganz Bestimmtes, untereinander Unverwechselbares. Was denn? Wo finden wir die drei Wesenheiten so zugleich unwirklich und anschaulich, wie diese drei Eigenschaftsworte sie in ihrer Isoliertheit von einander abheben? Hier wird ein zweites Motiv sichtbar, das sich mit dem ersten, dem logischfmetaphysischen verschlingt und das in dieser Verflechtung mit ihm zusammen den Aufbau des ersten Bandes beherrscht Wo also gibt es solche wesenhaften und doch der Wahrheit oder der Lebendigkeit oder der Wirklichkeit ermangelnden Gestalten? Einen Gott, der nicht der wahre und nicht wirklich ist, eine Welt, die nicht die lebendige und nicht wahr ist, Menschen, die nicht die wirklichen und nicht lebendig sind? Die von einander, von den beiden jeweils andern, nichts wissen, nichts wollen? Schatten also, die mit unsrer Wirklichkeit, unsrer Wahrheit, unsrem Leben nicht in dem gleichen Raum wohnen und die doch in alles, was in unserm Raum geschieht, hineingeistern? Die Antwort kann sich der Leser geben, wenn er seine Spenglerkenntnis zu Rate zieht Spenglers apollinische Kultur begreift genau die Götter, Welten, Menschen, die hier gemeint sind. Spenglers Begriff des Euklidischenbezeichnet genau die wesenhafte Getrenntheit, die „Transzendenz" zueinander, die hier bezeichnet wurde. Nur daß Spengler, wie stets, richtig Gesehenes falsch deutet Der mythische Olymp, der plastische Kosmos, der tragische Heros sind nicht damit abgetan, daß sie gewesen sind; sie sind ja garnicht im strengen Sinne des Wortes „gewesen"; der wirkliche Grieche ist, wenn er betete, ja doch nicht etwa von Zeus oder Apollon erhört worden, sondern natürlich von Gott; und er hat auch nicht etwa im Kosmos gelebt, sondern in der geschaffenen Welt, deren Sonne, unsre Sonne, auch Homer leuchtete; und er war kein attischer Tragödienheld, sondern ein armer Mensch wie wir. Trotzdem aber diese drei Gestalten nie wirklich waren, sind sie doch die Voraussetzung aller unsrer Wirklichkeit Gott ist so lebendig wie die Götter des Mythos, die geschaffene Welt ist so sehr die wirkliche und so wenig bloße „Erscheinung", wie die plastisch geschlossenen Endlichkeiten, in denen der Grieche zu leben glaubte oder als politisches Geschöpf zu leben wünschte und die er als Künstler um sich herum erschuf; der Mensch, zu dem Gott spricht, ist so sehr der wahre Mensch und ganz und gar kein Gehäuse von Idealen, wie der Held der Tragödie in seinem starren 434