Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das neue Denken
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 432 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Rosenzweig Atheist, daß der Mensch nur Ausgeburt und Gott nur Spiegelbid der „Natur" ist In Wahrheit sind aber diese drei letzten und ersten Gegenstände allen Philosophierens Zwiebeln, die man schälen kann, soviel man will, — man komm' immer wieder nur auf Zwiebelblätter und nicht auf etwas „ganz andres." Nur das Denken gerät notwendig durch die verändernde Kraft des Wörlchens „ist" auf jene Irrwege. Die Erfahrung entdeckt im Menschen, so tief sie eindringen mag, immer wieder nur Menschliches, in der Welt nur Weltliches, in Gott nur Gottliches. Und nur in Gott Göttliches, nur in der Welt Weltliches, nur im Menschen Menschliches. Finis philosophiae? Wäre es, dann um so schlimmer für die Philosophie! Aber ich glaube nicht, daß es so schlimm kommt. Vielmehr kann an diesem Punkt, wo die Philosophie mit ihrem Denken allerdings an ihrem Ende wäre, die erfahrende Philosophie beginnen. Jedenfalls ist das die Pointe meines ersten Bandes. Er will weiter nichts lehren, als daß keiner dieser drei großen Grundbegriffe des philosophischen Denkens auf den andern zurückgeführt werden kann. Um diese Lehre eindrücklich zu machen, wird sie in positiver Form gegeben: Es wird also nicht gezeigt, daß keiner auf die beiden andern zurückgeführt werden kann, sondern umgekehrt, daß jeder nur auf sich selbst zurückzuführen ist Jeder ist selbst Wesen", jeder selbst Substanz mit dem ganzen metaphysischen Schwergewicht dieses Ausdrucks. Wenn Spinoza zu Beginn seines Werkes den Substanzbegriff der Scholastik an die großen Idealisten von 1800 weitergibt — in diesem Punkt der bedeutende Vermittler zwischen zwei Epochen des europäischen Denkens, grade weil er ihn nicht theologisch verstand wie die verstrichene Epoche und nicht anthropologisch wie die kommende, sondern kosmologisch-naturalistisch und ihn dadurch formalisierte und also verwandelbar machte —, so definiert er Substanz bekanntlich (hier darf dies unverschämte Schreiberwort einmal stehen, ohne daß der Leser erröten muß, denn die ersten Sätze philosophischer Bücher pflegt er ja zu kennen) als das, was in sich ist und durch sich begriffen wird. Ich könnte die Absicht der schwierigen konstruktiven Partieen der drei Bücher des ersten Bandes vielleicht nicht besser erklären, als wenn ich sage, daß hier für jeden der drei möglichen Träger des „Wesens"-Begriffs gezeigt wird, wie er in seiner besonderen! Weise diese Definition erfüllt, Was bei mir „ja" heißt, entspricht dem in sc esse, was bei mir „nein", dem per se percipi der spinozistischeni 432