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Der Morgen · 1925-10-01 · Heft 4 (Oktober 1925) · p. 431

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 4 (Oktober 1925)
Article
Das neue Denken
Date
1925-10-01
Page
431 (sequence 6)
Language
German
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Das neue Denken dem Wesen fragt Die Welt darf beileibe nicht Welt sein, Gott beileibe nicht Gott, der Mensch beileibe kein Mensch, sondern alle müssen „eigentlich" etwas ganz andres sein. Wären sie nichts andres, sondern wirklich nur, was sie sind, so wäre ja — behüte und bewahre! — am Ende die Philosophie überflüssig! Wenigstens eine Philosophie, die durchaus etwas „ganz anderes" herauskriegen möchte. Das hat nun allerdings alle frühere Philosophie, soweit mein Universitätswissen von ihr reicht, gewollt; und wenn ich der genauen und opfervollen allvierteljährlichen Durchsicht der Kantstudien trauen darf, fliegen die Raben noch immer um den Berg (und finden bedauerlicherweise noch immer junge Finken, die, der eigenen schönen Schnäbel ungeachtet, sich, und leider erfolgreich, bemühen zu krächzen wie sie). Noch immer werden unermüdet die Möglichkeiten der „Zurückfuhrung" eines jeweils einen auf sein jeweils andres durchpermutiert, die im großen gesehen die drei Epochen der europäischen Philosophie charakterisieren, — die kosmologische Antike, das theologische Mittelalter, die anthropologische Neuzeit Insbesondere natürlich der Lieblingsgedanke der Neuzeit, die Zurückführ ung auf „das" Ich. Diese Zurückführung oder „Begründung" der Welt- und Gotteserfahrungen auf das Ich, das diese Erfahrungen macht, ist dem wissenschaftlichen Denken noch heut so selbstverständlich, daß jemand, der an dieses Dogma nicht glaubt, sondern seine Welterfahrungen lieber auf — die Welt und seine Gotteserfahrungen lieber auf — Gott zurückführt, einfach nicht, ernst genommen wird. Diese Philosophie hält das Zurückführen überhaupt für etwas so Selbstverständliches, daß, wenn sie sich die Mühe macht, einen solchen Ketzer zu verbrennen, sie ihn nur wegen einer verbotenen Art Zurückführ ung belangt und ihn als „krassen Materialisten", der gesagt habe: alles ist Welt, oder als „mystischen Ekstatiker", der gesagt habe: alles ist Gott, röstet Daß jemand überhaupt nicht sagen wollte: alles „ist" . . ., das geht ihr nicht in den Kopf. Aber in dieser Was ist?-Frage, gestellt auf „Alles", steckt schon der ganze Irrtum der Antworten. Ein Ist-Satz muß immer, wenn er die Mühe des Aussprechens lohnen soll, nach dem „ist" etwas Neues bringen, was vorher noch nicht stand. Fragt man also derlei Istfragen auf Gott und Welt, so darf man sich nicht wundern, daß das Ich herauskommt — was bleibt denn andres übrig! alles andre, Welt und Gott, ist ja schon vor dem „ist" vergeben. Und ebenso wenn der Pantheist und sein Associ6, der Mystiker, entdecken, daß Welt und Mensch göttlichen „Wesens" seien, oder die andre Firma, Materialist und 43t

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