Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das neue Denken
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 430 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Rosenzweig dann sicher nur, wenn man den Anfang entweder nicht oder aUermindestens falsch versteht Denn sonst wird der Gedanke, den es mitteilt, schwerlich das Nach-denken lohnen, da man ihn, wenn man gleich bei Beginn seiner) Auseinandersetzung weiß, „worauf das hinaussoll", eben offenbar schon kennt Das alles gilt nur für Bücher; nur die können ja so ohne alle Rücksicht auf die verfließende Zeit geschrieben und gelesen werden. Sprechen und Hören steht unter andern Gesetzen- Natürlich nur wirkliches Sprechen und Hören, nicht das, welches sich selber „Vorlesung" schimpft und bei dem der Hörer vergessen muß, daß er einen Mund hat, und also am besten schreibende Hand wird. Aber für Bücher gilt es allerdings. Wo denn nun jene Hauptschlacht des Verständnisses geschlagen wird, wo also das Ganze mit einem Blick überschaubar wird, das läßt sich nich$ vorher sagen; im allgemeinen wohl schon vor der letzten Seite, aber schwerlich vor der Mitte des Buchs; und sicher kaum bei zwei Lesern ganz am gleichen Punkt Wenigstens wenn es Selbstleser sind und nicht Leser, die vor lauter Gelehrtheit schon vor dem ersten Wort wissen, was in einem Buch steht, und vor lauter Dummheit auch nach dem letzten noch nicht Bei älteren Büchern verteilen sich die letzterwähnten Lesertugenden meist auf zwei Menschenarten, etwa Professoren und Studenten, bei neueren stehen sie gern in Personalunion. Damit wären wir wieder beim „Stern der Erlösung". Für seinen ersten Band gilt alles eben über die vernünftige Art, die Anfänge philosophischer Bücher zu lesen, Gesagte. Vor allem also: Rasch! Nicht aufhalten! Das Wichtige kommt erst! Und das Schwierige, etwa der Begriff des Nichts, der „Nichtse", der hier nur ein methodischer Hilfsbegriff zu sein scheint, enthüllt seine inhaltliche Bedeutung erst in dem kurzen Schlußabschnitt des Bandes und seinen letzten Sinn sogar erst im Schlußbuch des Ganzen. Was hier steht, ist noch nichts andres als eine zugleich Adabsurdumführung und Rettung der alten Philosophie Vielleicht mache ich dem Leser am deutlichsten, was der erste Band will, wenn ich dieses anscheinende Paradoxon zu erklären versuche Alle Philosophie frug nach dem „Wesen". Es ist diese Frage, mit der sie sich vom unphilosophischen Denken des gesunden Menschenverstands scheidet Der nämlich fragt nicht, was ein Ding „eigentlich" sei Es genügt ihm, zu wissen, daß ein Stuhl ein Stuhl ist; er fragt nicht, ob er etwa eigentlich ganz etwas andres wäre. Eben dies fragt Philosophie, wenn sie nach 430