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Der Morgen · 1925-10-01 · Heft 4 (Oktober 1925) · p. 429

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 4 (Oktober 1925)
Article
Das neue Denken
Date
1925-10-01
Page
429 (sequence 4)
Language
German
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Das neue Denken geht, ist das systematische Prinzip dieser Philosophie ein andres. Eben auf dieses Prinzip sucht auch der Titel mit seiner Zusammenfassung des astronomischen Gleichnisses der drei Bandüberschriften — Elemente, Bahn, Gestalt — hinzudeuten. Und eben den Übergang von der gewohnten zu der neuen Fragestellung vollziehen die schnell berüchtigt gewordenen Formulierungen: des ersten Bandes, dem und denen ich mich jetzt zuwende. Die ersten Seiten philosophischer Bücher stehen in einem besonderen Respekt beim Leser. Er glaubt, sie seien die Grundlage für alles weitere. Infolgedessen meint er auch, es genüge, sie zu widerlegen, um das Ganze widerlegt zu haben. Daher das ungeheure Interesse für Kants Lehre von Raum und Zeit in der Gestalt, wie er sie zu Anfang der Kritik entwickelt hat; daher die komischen Versuche, Hegel vom ersten Dreischlag seiner Logik aus zu „widerlegen" und Spinoza von seinen Definitionen her. Und daher die Hilflosigkeit des general reader vor philosophischen Büchern. Er denkt, sie müßten doch „besonders logisch" sein, und versteht darunter die Abhängigkeit des jeweils folgenden Satzes vom jeweils vorhergehenden; so daß also, wenn der berühmte eine Stein herausgezogen wird, „das Ganze zusammenstürzt". In Wahrheit ist das nirgends weniger der Fall als in philosophischen Büchern. Hier folgt ein Satz nicht aus seinem Vorgänger, sondern viel eher aus seinem Nachfolger. Wer einen Satz oder Absatz nicht verstanden hat, dem hilft es wenig, wenn er in dem gewissenhaften Glauben, nichts unverstanden zurücklassen zu dürfen, ihn etwa wieder und wieder liest oder gar nochmal von vorn anfängt Philosophische Bücher versagen sich solcher methodischen ancien regime-Strategie, die keine Festung unerobert im Rücken lassen zu dürfen meint; sie wollen napoleonisch erobert werden, in kühnem Vorstoß auf die feindliche Hauptmacht, nach deren Besiegung die kleinen Grenzfestungen schon von selber fallen werden. Wer also etwas nicht versteht, darf die Aufklärung am sichersten erwarten, wenn er mutig weiterliest Der Grund für diese dem Anfänger und, wie die vorhin angeführten Fälle zeigen, auch manchem Nichtanfänger schwer eingehende Regel steckt darin, daß Denken und Schreiben nicht eins sind. Im Denken schlägt wirklich ein Schlag tausend Verbindungen; im Schreiben müssen diese tausend fein säuberlich auf die Schnur von Tausenden Zeilen gereiht werden. Wie Schopenhauer gesagt hat, daß sein ganzes Buch nur einen einzigen Gedanken mitteilen wolle, den er aber nicht kürzer mitteilen könne als in dem ganzen Buch. Wenn ein philosophisches Buch also überhaupt das Lesen lohnt, 429 27»

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