Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das neue Denken
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 427 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Franz Rosenzweig: Das neue Denken sollen. Sie sind die Antwort auf den Widerhall, den das Buch in den vier Jahren, die seit seinem Erscheinen verstrichen, geweckt hat Nicht auf die Ablehnung; das wäre nicht meine Sache. Sondern grade auf die Annahme, die es gefunden hat Wo einem die Tür gar nicht aufgetan ward, hat man nichts verloren; aber wo man freundlich und mit Ehren aufgenommen ist, da darf man wohl, ja muß man wohl anständigerweise, nachdem man eine Weile lang unter einer konventionellen Einführung und demgemäß in den Formen konventioneller Höflichkeit Gastfreundschaft genossen hat, eines Tages zur gelegenen Stunde das eigene Gesicht demaskieren und so den kritischen Augenblick berufen, wo aus der konventionellen Beziehung die persönliche wird oder — nicht wird. Mit vollem Bewußtsein, daß man mit diesem eines Tages einmal notwendigen Wahrheitsakt natürlich die bislang unbefangen genossenen Annehmlichkeiten der gesellschaftlichen Beziehung aufs Spiel setzt Wirklich verdankt ja das Buch die Aufnahme, die es bisher gefunden, wenn ich von dem kleinen Kreis derer absehe, die es ebensogut oder besser hätten schreiben können wie ich, durchweg einer solchen „gesellschaftlichen Verwechslung": es ist gekauft und — bedenklicher — auch gelesen worden als ein „jüdisches Buch". Es gilt ungelesen und, was wie gesagt schlimmer ist, auch gelesen für das Buch des Teils der jüdischen Jugend, der sich auf verschiedenen Wegen zum alten Gesetz zurückzufinden trachtet Das kann mir persönlich ja wohl recht sein Was die Pharisäer des Talmud und die] Reiligen der Kirche gewußt haben: daß der Verstand des Menschen nur so weit reicht wie sein Tun, das gilt offenbar, zur Ehre der Menschheit, auch vom Verstandenwerden. Aber dem Buch entstehen aus jenem Vorurteil bei den Lesern eine Anzahl — unnötiger — Schwierigkeiten und bei den Käufern eine — sehr nötige — Enttäuschung. Die folgenden Blätter möchten versuchen, jene Schwierigkeiten den Lesern etwas zu erleichtern und andrerseits diese Enttäuschung der Käufer etwas zu beschwichtigen, die ein schönes jüdisches Buch zu erwerben glaubten und nachher, wie einer der frühesten Kritiker, entdecken mußten, daß es durchaus „nicht für den Tagesgebrauch eines jeden Mitgliedes einer jeden Familie bestimmt ist". Ich kann den „Stern der Erlösung" nicht zutreffender beschreiben, als dies in prägnanter Kürze jener Kritiker getan hat: er ist wirklich nicht für den Tagesgebrauch eines jeden Mitgliedes einer jeden Familie bestimmt Er ist überhaupt kein „jüdisches Buch", wenigstens nicht das, was sich die Käufer, die mir so böse waren, unter einem jüdischen Buch vorstellen; er behandelt zwar das Judentum, aber 427 27