Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Festansprache gehalten bei der Wormser Tagung des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten am 5. September 1925
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 423 (sequence 4)
- Language
- German
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Festansprache Und als die Zeiten sich wandelten und der Kampf des Fürstentums gegen den mittelalterlichen Zunft- und Ständestaat begann, da wurden die Juden wiederum tief hineingezogen in das harte Spiel um die Macht Ein Beispiel für viele: Der Große Kurfürst wollte den uneinheitlichen Agrarstaat Preußen zu einem einheitlichen Industriestaat umgestalten. Er bediente sich dabei der Juden als eines Elementes des freien Handels. Die Zünfte und Stände kämpften um ihre alten Privilegien. Sie ließen es den Juden schlimm entgelten, daß der Kurfürst sie ihrer Oberhoheit entziehen wollte. Ich klage nicht an, denn ich spreche von der Vergangenheit. Ich klage aber an, wenn auch die Gegenwart noch immer aus „unnützem Erinnern und vergangenem Streit" politische Waffen gegen uns schmiedet Denn nunmehr sind wir seit vier Generationen nicht nur passiv, sondern auch aktiv mit der deutschen Geschichte verbunden. Es gibt keine Wirkungssphäre deutschen Geistes, in der nicht deutsche Juden Grundlegendes, Weiterförderndes, Substanzbildendes geschaffen haben. Soll ich an Industrie und Technik, an Wissenschaft und Kunst erinnern, an Philosophie und Politik? Ja, auch an Politik! Man scheint in gewissen Kreisen vergessen zu haben, daß auch deutsche Juden den Bau der deutschen Einheit mitgeschaffen und miterhalten haben. Ich erinnere — um nur einige zu nennen — an Rießer und Simson, an Lasker und Bamberger, an Preuß und Rathenau. Nicht um uns rühmend zu erheben, erinnere ich an diese Männer, nur um unsre Schicksalsgemeinschaft mit dem deutschen Volke hervorzuheben. Weshalb wagt man uns deimoch das Deutschtum abzusprechen? Darf ich einen Augenblick persönlich werden? Das Allgemeine wird oft deutlicher durch das Besondere. Weshalb spricht man mir mein Deutschtum ab? Meine väterliche Familie, feststellbar bis in das 18. Jahrhundert, stammt aus Westpreußen und Pommern — verwandtschaftliche Beziehungen verbanden sie mit der Familie des ersten deutschen Reichstagspräsidenten Simson. — Meine mütterliche Familie, feststellbar bis tief in das 18. Jahrhundert, stammt aus Hamburg und Deutz a. Rh. — Die Familie meiner Frau stammt aus Worms und Rheinhessen — in Worms feststellbar bis 1675. — In meiner Familie sind als Berufe: Handwerker, Kaufleute, Gelehrte und Militäranwärter vertreten. Brüder meines Vaters haben die Kriege 1864, 186G und 1870 von Anfang bis zu Ende mitgemacht Ich selbst bin durch deutsche Schulen und Universitäten hindurchgegangen und bin als Vierzigjähriger freiwillig im August 1914 hinausgezogen. Was kann ich nun anders sein als 423