Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Festansprache gehalten bei der Wormser Tagung des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten am 5. September 1925
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 422 (sequence 3)
- Language
- German
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Julius Goldstein enibehrlicbkeit bedeutete im Mittelalter nicht rechtliche Gleichheit Das Mittelalter kannte und anerkannte nur ein einziges Gruppierungsmotiv: das religiöse. So tief wie dieses vereinigte, so tief schied es auch — rechtlich, politisch, wirtschaftlich. Trotzdem hat es nie an engeren menschlichen Beziehungen zwischen Juden und Christen gefehlt Wie könnten auch Menschen Jahrhundertelang zusammenwohnen, ohne daß über alle Scheidungen hinweg die gemeinsame Menschennot zu Freundschaft und gegenseitiger Hilfe führte! Das Mittelalter kannte wohl den Haß, aber nicht die Systematik des Hasses. — Die deutschen Juden aber waren noch in besonderer Weise mit dem deutschen Schicksal verbunden. Liest man die Geschichte der jüdischen Großgemeinden, wie Frankfurt, Köln, Worms, so ist man erstaunt, wie diese Menschen politisch wach sind. Es gibt Bevölkerungsgruppen, wie oftmals die landlichen, die gleichgültig neben den politischen Ereignissen dahinleben. Man erzählt von einem französischen Bauer, der i8i5 noch nie etwas von Napoleon gehört hat Solches war bei den Juden unmöglich. Sie hatten die Sensitivität der Feinnervigen, die jede Veränderung der Atmosphäre spüren. Sie waren leidenschaftlich interessiert an den politischen Ereignissen — nicht als Mitgestalter, sondern als Mitdulder. Sie lebten stets im Sturmzentrum der Geschichte — wo immer ein Wetter aufzog, über ihren Häupten entlud es sich. So haben wir die merkwürdige Tatsache festzustellen: Eine Bevölkerungsgruppe, die von aller politischen Machtgestaltung ausgeschlossen ist, lebt durch die Jahrhunderte in engster wissender Verbundenheit mit den Geschehnissen der deutschen Politik. Ihre Aufgabe ist immer die gleiche: als Waffenlose der Gewalt zu widerstehen. Gustav Freytag faßt dieses Judenschicksal einmal mit dem Wort zusammen: „Kein streitbares Volk hat heldenmütiger roher Gewalt widerstanden als diese Waffenlosen." Was dieses Wort an Furchtbarkeiten birgt — das verstehen wir heute erst ganz. Wenn aber aller Widerstand vergeblich war, wenn sie nicht mehr auf dem Brandschutt ihrer Häuser von neuem siedeln durften, wenn sie zu Zehntausenden in ferne östliche Länder vertrieben wurden, dann nahmen sie mit sich als kostbarste Erinnerung an die Heimat: die deutsche Sprache — bewahrten bis auf diesen Tag mit der Beharrlichkeit unaustilgbarer Liebe in polnischer Klangwelt den rheinischen Heimatlaut: Die Sprache des Nibelungenliedes und der Minnesänger. — 422