Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Festansprache gehalten bei der Wormser Tagung des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten am 5. September 1925
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 421 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895456-2896251--00501-2896312- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Julius Goldstein: Festansprache Ich spreche im Namen der verwundeten und unverwundeten Kämpfer: Um Deutschlands willen standen wir vier Jahre lang mit unsern christlichen Kameraden im Schlamm der Gräben. Um Deutschlands willen stürmten wir mit den andern dem Feinde entgegen über die Felder des Grauens — und jeder Schulbube soll sich heute erdreisten dürfen, den gelben Judenfleck uns anzuheften I! —-- Überall in deutschen Landen wird in diesem Jahre der tausendjährigen Zugehörigkeit der Rheinlande zu Deutschland gedacht Feste der Erinnerung werden gefeiert, Feste der Bekundung vaterländischen Willens. Darf der Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten bei dieser Feier abseits stehen? Tausend Jahre gehört diese Erde zu Deutschland! Wir gehören fast zweitausend Jahre zu dieser Erde. Unsre Vorfahren haben in Palästina i4oo Jahre gelebt, in Deutschland fast 2000. Wie auch die rheinischen Juden getrennt waren von den rheinischen Christen, der gemeinsame Kulturraum schuf Gemeinsamkeiten der Lebensformen. Wem wären die Prägungen deutscher Weltkultur nicht an den jüdischen Heiligtümern dieser Stadt aufgefallen? An der Ornamentik der Grabsteine des alten Judenfriedhofs — der älteste Grabstein reicht bis io4o zurück — können wir den Wandel deutschen Kunstempfindens ablesen. Aber auch umgekehrt wirkte jüdische Bauform auf christliche Architektur. Der größte Bau der Frankenkaiser, der Aachener Dom Karls des Großen, ist eine Nachbildung des Salomonischen Tempels, wie man ihn sich nach den Schilderungen der Bibel vorstellte. — Der rheinische Kulturraum hat auch unsre Vorfahren mitgeformt Diese rheinische Luft — unsre Vorfahren haben sie geatmet Dieses Stromes breit hinflutende Wellen — unsre Vorfahren haben sie geschaut Dieser Ufer köstliche Frucht — unsre Vorfahren haben sie im Festesbecher zum Lobe des Ewigen gepriesen. Und dieses Stromes gütertragende Bahn — unsre Vorfahren brachten auf ihr die Schätze des Südens ins Deutsche Land.--- Vor wenigen Tagen ist an dieser Stelle gesagt worden, Bischof Burchard achtete die Juden als „unentbehrliches Element der Stadt". Aber diese Un- 42t