Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das Numinose der Hohen Feiertage
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 417 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Numinose der Hohen Feiertage Das „Aeternum" hat aber nicht nur die niederdrückende Wirkung-, die Erweckung des Kreaturgefühls, sondern es hat andererseits auch eine f aseines e Wirkung. Weil Gott der Ewige ist, darum ist er der allein Bleibende in allem Schwankenden, der allein Feste in allem Fließenden, daher ist er der Hort, der Fels, daher „unsere Zuflacht", wie es in Psalm 90 lautet „unser Vater von Ewigkeit zu Ewigkeit". Daher das Moment des Starkenden und Beseligenden, das gerade das Ahnen des „Aeternum" in der Seele des Beters auslöst, daher die Kraft, die dem Juden zuströmt, wenn er betet „unser Gott und Gott unserer Väter" oder, wie es an anderer Stelle des Hauptgebetes heißt „unser Gott und Gott unserer Väter „Tolam waed" „für immer und ewig". Daher auch die überschwängliche Formel, die sich immer wiederholt „Wir wollen Gott loben, von nun an bis in Ewigkeit" oder im Kaddisch „j'he schme rabba m'warach l'alam ul'olme olmaja" „sein großer Name sei gepriesen für alle Ewigkeiten", eine Formel, die als der Hymnus aller Hymnen den alten Lehrern des Judentums galt Es scheint geradezu, als ob das „Aeternum" von all den Momenten, die dem Numinosen eigen sind, dasjenige sei, welches in der Seele die stärkste numinose Wirkung hervorruft Denn die verschiedensten Gebete erreichen in der Betonung des „Aeternum" den höchsten Gipfel. So klingt beispielsweise das „Un'thane thokef" mit dem „Aeternum" aus, desgleichen die „K'duschah" mit den Worten „regieren wird der Ewige immerdar, Dein Gott, Zion, von Geschlecht zu Geschlecht, haüalujah." So endet Psalm 100 mit dem feierlichen „----und von Geschlecht zu Geschlecht seine Treue----"; und wer von uns hätte noch nicht die beseligende Wirkung der Worte empfunden, mit denen das „Jigdal" *) schließt: „Die Toten belebet Gott durch die Fülle seiner Gnade, verkündet werde sein Ruhm für alle Ewigkeit" Das Gleiche sehen wir, um ein Beispiel aus einem anderen Gebiet zu bringen, bei Dante. Das, was in der „Göttlichen Komödie" der Hölle jenes Geheimnisvolle, jenes über alle Maßen Schreckliche, eben jenes Numinose gibt, das ist das „Aeternum", das hinter dem Ganzen steht, die Ewigkeit der Leiden, wie es Dante im dritten Gesang der Hölle in den berühmten Worten, die den Eingang zum Inferno bilden, zum Ausdruck bringt: „Per me si va nelle citta dolentel Per me si va nell' eterno dolere, Per me si va per la perdute gente. *) Gebete am Neuen Jahr, S. 4 (Morgengebet). 417