Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das Numinose der Hohen Feiertage
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 416 (sequence 10)
- Language
- German
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B. Italiener liehe Nichtigkeit, das „Staub and Asche sein", wie Abraham sich ausdrückt Aber das „Kreaturgefühl" äußert sich nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich. Der Schatten des „Aeternum" ist das „Kreaturgefühl", empfunden als Flüchtiges, als Vergängliches, wie es unvergleichlich in dem vorerwähnten „Un'thane thokef" zum Ausdruck kommt „----ein gleitender Schatten, ein leichtes Wölkchen, ein wehender Hauch, ein flatterndes Staubchen, ein zerrinnender Traum — — —" Daß das „Aeternum" ein „eigentümliches" Moment des Numinosan darstellt, das nicht etwa durch die von Otto erwähnten Momente bereits erschöpft wird, geht aus Psalm 90 klar hervor. Er gehört sicher zu denjenigen Dichtungen der Bibel, in denen das Numinose besonders deutlich fühlbar wird. Woher stammt diese numinose Wirkung? Es ist das „Aeternum", das durch den ganzen Psalm schwingt „Herr, Du warst unsere Zuflucht von Geschlecht zu Geschlecht Bevor die Berge geboren wurden, und ehe Du Erde und Weltall schufst, — von Ewigkeit bis Ewigkeit bist Du, o Gott Du führest den Sterblichen bis zur Zerknirschung und sprichst dann: „Kehret zurück, ihr Menschenkinder". In diesem Psalm kommt auch das „Kreaturgefühl" am stärksten zum Ausdruck, „ad dakkah" „bis zur Zerknirschung", das ist nichts anderes als das Gefühl der absoluten Nichtigkeit, weil Vergänglichkeit des Menschen, dessen Tage vergehen „k'mo hege" „wie ein Hauch" gegenüber dem, in dessen Augen „tausend Jahre sind wie ein Tag." Mit dem „Kreaturgefühl", das das „Aeternum" weckt, verbindet sich gleichzeitig das Gefühl der „Profanität", des „Unwertes", der „Sünde" des Sterblichen, daher der Ruf Gottes, den er vernimmt: „Kehret zurück, ihr Menschenkinder!" Die gleiche numinose Wirkung geht aus von den Gebeten „Jigdal" und „Adon olam", die Otto als „herrliche Lieder" unter den „numinosen Hymnen" aufführt Sie haben diesen numinosen Klang vor allem deshalb, weil in ihnen das „Aeternum" und das „Mysterium tremendum" sich so harmonisch verschmelzen. Genau so ist's in „Melech eljon." Das Majestätische, das Strahlende, das Geheimnisvolle — alles, was das Lied von dem Höchsten kündet, es empfängt gleichsam erst sein Siegel durch das „Aeternum", durch den immer wiederkehrenden Reim „l'adead jimloch" und durch die Worte, die das ganze Lied beenden: „adonai melech, adonai malach, adonai jimloch l'olam waed." 416