Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das Numinose der Hohen Feiertage
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 413 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Numinose der Hohen Feiertage sind Dein Volk und Da bist unser Gott .das allemal das Sündenbekenntnis einleitet, das (Awinu malkenu) 1) „unser Vater, unser König", die „S'lichoth", in denen das „Fascinosum", die Zuversicht auf die verzeihende Liebe Gottes, fast ausnahmslos dem Beter das vertrauliche „Du" in den Mund legt Ich habe soeben das „Alenu-Gebet" erwähnt, es bildet an den Hohen Feiertagen einen der Höhepunkte des Gottesdienstes. Woher kommt seine besondere numinose Wirkung? Sie hat verschiedene Ursachen. Zunächst ist es der eigentumliche Rhythmus, der dem Gebete eigen ist, der Rhythmus, hervorgerufen durch die Paradoxie: „Uns liegt es ob", d. h. uns winzigen Menschen, uns, den Pünktchen im All, „dem Herrn der Welt Lob zu singen"; oder, „Er, der den Himmel ausspannt und die Erde gründet . . . und dessen Herrlichkeit thronet in den höchsten Höhen — Er ist unser Gott!" Er, der Fernste, zugleich der Nächste, der Erhabenste, zugleich der Vertrauteste. Die numinose Wirkung des Gebetes erklärt sich ferner aus dem Majestätischen, dem Hoheitvollen, das den „Schöpfer der Welt", den „König aller Könige" umschwebt Und es ist ferner das Mysterium, das „ganz Andere", das allem Sein Entgegengesetzte, das „en od", das das „Alenu-Gebet" schildert, das Schauervolle, das die Seele mit tiefem Beben erfüllt und in die Knie zwingt Und es ist endlich das „Energicum", das Eifernde, das Lodernde, das sich selbst Durchsetzende, wie Otto sagt, „der suchende Gott", vor dem alle Götter in nichts zerfallen, und der nicht ruht, bis alle Götzen „mit Stumpf und Stiel ausgerottet sind", nicht ruht, bis in allen Wesen die innere Wandlung sich vollzogen hat, und das „marchuth schaddai" „das Reich der Zukunft" begründet sein wird! — — Dieses „Energicum" lebt mit besonderer Kraft in dem Gebet, das das Judentum in den Mittelpunkt seines gottesdienstlichen Lebens gerückt hat, dem „Kaddisch". Die besondere numinose Wirkung, die es auf uns ausübt, ist rein äußerlich schon in der Anlage des Gebetes begründet, zunächst in der aramäischen Sprache. Diese trägt in den hebräischen Gottesdienst etwas Fremdartiges, das Moment des „Anderen", des Absonderlichen, das, wie Otto mit Recht ausführt, zu den Ausdrucksmitteln des Numinosen gehört In diesem Zusammenhang sei auch auf den Gleichklang hingewiesen, der durch l) Gebete am Neuen Jahr, S. 12a. 4t3 26