Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das Numinose der Hohen Feiertage
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 410 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ß. Italiener Nichtigkeit und Schwäche des Menschen zu veranschaulichen vor ihm, dem König aller Könige. Dieses Symbol finden wir ja wiederholt in der Bibel, beispielsweise bei Mose, der vor der Erscheinung Gottes am Dornbusch die Schuhe auszieht, ebenso bei Josua. Der Schuh ist dem antiken Menschen das Attribut der Macht, darum ist der Sklave barfuß. Aber alles bisher Erwähnte wird weit in den Schatten gestellt von den Gebeten. Diese sind die eigentlichen Erwecker der numinosen Stimmung. Denn sie sind selbst erfüllt vom Numinosen, umwoben von dem Geheimnis des Numinosen, sie lassen seine verschiedenen Seiten: das Majestätische, das Furchtbare und das Erhabene, das Emporziehende, das Beseligende, das Traute mit solcher Kraft und solcher Innigkeit anklingen, daß sie als klassische Zeugnisse menschlicher Religiosität angesehen werden dürfen. Mit gutem Grund hat Otto zur Veranschaulichung der von ihm über das Numinose entwickelten Gedanken gerade mehrere Gebete unserer Neujahrs- und Versöhn ungstagliturgie herausgegriffen. (Das Heilige, 12. Auflage, S. 35) Betrachten wir diese Gebete einmal näher und beginnen wir mit dem, das von vielen religiösen Juden geradezu als das Gebet der Hohen Feiertage angesehen wird, mit dem fjjp.fl rTJftfi (un'thane tokef) 2) Woher stammt die Wirkung dieses Gebetes? Sie stammt daher, weil in ihm das Numinose mit wahrhaft erschütternder Gewalt zum Durchbruch gelangte, und zwar als „Tremendum". Das Weltgericht wird geschildert Der Neujahrstag ist Gerichtstag, „nora w'ajom" „furchtbar und schrecklich" wird er genannt, zwei Attribute, die beide die ganze Furchtbarkeit des Tages zum Ausdruck bringen sollen, „nora w'ajom" deshalb, weil das Gottesreich an ihm errichtet werden soll. „. . . und das große Schofar wird geblasen, und ein sanftes, leises Wehen wird verspürt — da geraten die Engel in drängende Bewegung, Zagen und Zittern ergreift sie, und sie rufen aus: ha, der Tag des Gerichts, die himmlischen Scharen werden vor Gericht geladen . . .1" Man beachte wohl die Steigerung. Auf das Lärmen der Posaune folgt das Schweigen — es wird still. — Es ist kein Zufall, daß dieselben Worte, die von dem Gotteserlebnis des Elia am Horeb erzählen, auch hier gebraucht x) Rudolf Otto, Professor der Theologie in Marburg: Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen. 12. Aufl. Perthes, Gotha 1924, 228 S. 2) W. Heidenheim, Gebete am Neuen Jahr mit deutscher Übersetzung, Rödelheim i856, S. 176. 410