Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das Numinose der Hohen Feiertage
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 409 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Numinose der Hohen Feiertage in dem Gebet beim Ausheben der Thora:ib^'K^l31 „heilig und furchtbar ist sein Name". Ebenso heißt es in der T'fillah für die Hohen Feiertage;: rjjffp tfpWl HipK ttlpj «heilig bist Du und »furchtbar* ist Dein Name". Das „kadosch" findet an beiden Stellen gleichsam seine nähere Erklärung durch das „nora". Was bewirkt nun das Hervorbrechen des Numinosen gerade an den Hohen Feiertagen? Warum nicht auch an „gewöhnlichen" Sabbathen, warum nicht an den Wallfahrtsfesten (wobei nicht gesagt werden soll, daß es nicht auch an diesen Tagen im Gottesdienst aufblitzen kann, beispielsweise, wenn die Offenbarung am Sinai vorgelesen wird, oder wenn die K'duschah oder der Priestersegen erklingt Aber es ist eben nur ein Aufblitzen, nicht, wie an den Hohen Feiertagen, die Grundstimmung). Die Ursache liegt in rationalen und irrationalen Elementen. Ein rationales Element ist darin enthalten, daß der Neujahrstag, wie schon erwähnt, an die Kürze unseres Lebens gemahnt und als „Tag der Erinnerung" allerlei Bilder, insbesondere wehmütiger Art, vor die Seele führt und daher „ernst" und „feierlich" stimmt Ein irrationales Moment liegt in der Bezeichnung „Tag des Posaunenschalles". Denn es ist mit der Vernunft nicht recht einzusehen, warum die Schofartöne, "diese zerrissenen, unmelodischen Klänge, eine numinose Stimmung im Hörer erzeugen. Ebenso ist es bei dem Versöhnungstage. Auch hier strömt Rationales und Irrationales zusammen und schafft jene, mit Worten nicht zu definierende, die Seele mit unbeschreiblicher Wonne erfüllende numinose Stimmung, die das Kennzeichen des Jörn kippur ist, der sich niemand ganz zu entziehet vermag, und die den Jörn kippur trotz der körperlichen Kasteiung, die er fordert, zu Israels „schönstem" Feiertage macht Ein rationales Element ist beispielsweise der Gedanke der Sündhaftigkeit des Menschen und des Richteramtes Gottes. Rational ist ferner, wie am Neujahrstage, der Gedanke der Vergänglichkeit des Menschen, deren, wir uns — zumal bei der Seelenfeier — immer wieder bewußt werden. Aber irrationale oder doch halb rationale Elemente sind enthalten, abgesehen von den Melodien, von denen die Gebete getragen sind, in der Symbolik des Tages, beispielsweise im Schuhverbot und in der weißen Bekleidung des Thorahschreines, der Thorahrollen, Kanzel usw., sowie in der Sitte der Sterbegewänder der Männer und weißen Kleider der Frauen. Das Schuhverbot ist nichts anderes, als der unbewußte Ausdruck des „Kreaturgefühls", der Versuch, die 409