Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das Numinose der Hohen Feiertage
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 408 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895456-2896250--00487-2896299- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
B. Italiener schlössen von einem eigentümlichen Grundgefühl, sind begleitet von einem Ton, der immer mitschwingt: es ist der „Ernst", die „Weihe", „das heilige Erbeben", die „ehrfürchtige Scheu" vor etwas „Hohem"; daher der Name „die Hohen Feiertage", daher die Bezeichnung D^K^U D"1^ (Jamim noraim), was man gewöhnlich mit „ehrfurchtgebietende Tage" übersetzt Woher kommt dieses Gefühl? Die „rationale" Erklärung liegt auf der Hand. Es kommt daher, erwidert der Rationalist, weil Neujahr und Versöhnungstag als Zeiten des Gerichts gelten, und der sündige Jude Furcht empfindet vor der Majestät des göttlichen Richters. Oder er sagt: es kommt daher, weil der Neujahrstag an die Vergänglichkeit unseres Lebens, an die Kürze unserer Tage erinnert, und der Gedanke an den Tod immer „ernst" und „feierlich" stimmt Es ist gewiß, daß in diesen Erklärungen etwas Wahres enthalten ist Aber sie berühren nur die Schale, nicht den Kern der Frage. Diesem kommen wir näher, wenn wir uns den Begriff „Jamim noraim" klarer zu machen suchen. Diese Tage heißen „noraim", weil sie jene obenerwähnten Empfindungen besonderer Feierlichkeit in uns wachrufen. Wodurch erreichen sie das? Weil der Jude an diesen Tagen etwas erlebt, wie er es sonst in dieser Form und mit dieser Gewalt das ganze Jahr nicht erlebt, weil er das Weben von etwas Geheimnisvollem fühlt im Gotteshause, in seiner Seele — von etwas „Erhabenem", von etwas „ganz Anderem", von etwas, dessen er so sich nie am Sabbath, nie am Feiertage bewußt wird, und das ist die Gegenwart des K'pU (nora). Was ist „nora"? Nun, es ist nichts anderes als das Offenbarwerden des ^1"TpT (kadosch), des „Heiligen", und zwar jener Seite des „Heiligen", die nicht mit dem Verstand etwa als das „Gute", das „Sittliche" „erkannt", sondern nur mit dem „Gemüte" „erlebt" werden kann, und von Rudolf Otto als das „N um in ose" bezeichnet wird. Dieses Numinose ist das „Mysterium", das „ganz Andere". Es ist auf der einen Seite das „Majestätische", das „Erhabene", es ist das „Tremendum", das „Furchtbare", es ist das „Energicum", das „Fordernde" und „Zwingende", es ist das „Niederbeugende" und das „Erschütternde", und ist auf der anderen Seite das „Fascinosum", das „Anziehende", das „Beseligende" und „Erhebende". Das Charakteristische der Hohen Feiertage liegt darin, daß die eine irrationale Seite des „Heiligen", das Numinose, mit besonderer Macht hervorbricht, und zwar vorwiegend als Tremendum, als „nora". So geht es beispielsweise klar hervor aus der besonderen Einschaltung des Wortes „nora" 408