Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das Alte Testament als kanonische Urkunde des Protestantismus
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 403 (sequence 7)
- Language
- German
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Das Alte Testament als kanonische Urkunde des Protestantismus Landschaft beherrschen. Das viele Wasser, das Entzücken jedes Bewohners der dürren Berge Judas, dem Dichter wird es zu einem Bilde seiner Seelenqual: Es ist ihm, als wären die Bäche des Todes, die brausenden Wasser des Hades um ihn. Im Geiste sieht er die Hirschkuh, wie sie in seiner Heimat in der Zeit der Dürre am ausgedörrten Bachbett steht Sie ist tief in die Wasserinne herniedergestiegen. Nun zittern ihr die Knie. Lechzend steht sie vor dem von der Sonne glühenden Stein. Das sind die Bilder, in denen ihm der Zustand seiner Seele gegenständlich wird. Ein tiefes Begehren nicht allein nach Gesundheit und Heimat — das klingt zwischen den Zeilen mit, aber es ist nicht das Eigentliche — sondern noch etwas ganz Anderem, viel Höherem beherrscht ihn. Der Blickpunkt seines inneren Ausschauens ist Gott, der „lebendige Gott". Ist das nicht die Grundempfindung der Frömmigkeit, die „aus dem Glauben" lebt? Die Seligpreisungen umschreiben sie mit Worten wie: „leidtragen", „bedürftig im Geiste sein", „hungern und dürsten". Wo sich eine Seele aus solcher Tiefe über allen schembaren Beweis der Ungnade Gottes zu der großen Stille erhebt, die aus dem Kehrreim dieses Gedichtes spricht, da ist Glaube im Sinne des Jesaia und im Sinne des Paulus und des Protestantismus. Gewiß dieser Fromme des Alten Testaments hat den Wallfahrtskultus seines Volkes von Herzen mitgefeiert: Daran muß ich denken Und ich schütte mein Herz in mir aus. Wie ich dahinzog, im Reigen mich wiegend, Mit brausendem Jubel und Dank Im Getümmel der Wallfahrt — Aber der tiefe Sinn dieser lauten Feier, das ihn eigentlich Beglückende ist etwas ihm ganz Eigenes, ihm innerlich Gewisses, ist „der Glaube." Ganz anders, weil aus einer anderen Individualität und anderem Erleben aufspringend und im tiefsten Grunde doch dem Vorhergehenden ähnlich, ist das wunderschöne Gedicht, das uns im Psalm i3i erhalten ist: Herr, — mein Herz ist nicht hoch hinaus, Meine Augen sind nicht hoffärtig. Ich gehe nicht mit großen Dingen um, Solchen, die mir zu wunderbar wären. Nein, ich habe beruhigt und gestillt meine Seele! — 403