Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das Alte Testament als kanonische Urkunde des Protestantismus
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 402 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895456-2896249--00480-2896293- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Hans Schmidt Wie die Hinde, die lechzend am Bachbette steht, So lechzt meine Seele, Gott, nach Dir! Es dürstet meine Seele nach Gott, Dem lebendigen Gott! Wann komme ich dahin, daß ich schaue Das Angesicht Gottes? Meine Tränen sind, mein Brot geworden Tag und Nacht, Da man taglich zu mir spricht: Wo ist Dein Gott? Was bist Du so gebeugt meine Seele? Und stöhnst in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, Dem Helfer, nach dem ich ausschaue, und meinem Gott! Mein Gott, meine Seele ist gebeugt in mir; Darum denke ich an Dich Im Jordangrunde, bei den Hermonbergen Am Berge Mis*ar. Eine Flut ruft der andern zu Im Brausen Deiner Bäche. All Deine Wogen und Wellen gehen über mich hin! Was bist Du so gebeugt meine Seele! Was stöhnst Du in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, Dem Helfer, nach dem ich ausschaue, Und meinem Gott! Der Dichter dieses Liedes ist, wenn wir seine andeutenden Worte nach ähnlichen deutlichen Psalmen auslegen dürfen, krank. Er kann nicht wie sonst zum Fest nach Jerusalem. Das legt man ihm aus als ein Anzeichen von Schuld und Gottverlassenheit Der „Feind" höhnt ihn: „Wo ist nun Dein Gott?" Aber wer diese Verse nicht ganz stumpfen Sinnes liest, der spürt doch, daß alles äußere Leid — Krankheit, Heimweh, erfahrener Spott — nicht das Eigentliche ist, was diesen Mann quält Er ist in den Bergen des Hermon, wo die tosenden, in wilden Schnellen über die Felsen zum Tale stürzenden Wasser des jungen Jordan das Bild der 402