Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das Alte Testament als kanonische Urkunde des Protestantismus
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 400 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Hans Schmidt der Mensch zusammen: „Wehe mir — ich bin unreiner Lippen!" Es ist für den Glaubensbegriff des Propheten Jesaia bezeichnend, daß diese Abwertung der eigenen Person, dieses Sich unzureichend und schuldig fühlen mit dem Innewerden Gottes, mit der Hinwendung zu ihm unmittelbar gegeben ist Aber zugleich empfindet er, wie eine unsagbare Stille über ihn kommt: „Umkehr" und „Vertrauen" stehen zusammen mit „Ruhe" und „Stillesein". Und damit zugleich ein trotziger Mut, das Gefühl einer alles vermögenden Kraft, ein unbändiger stürmischer Drang zu handeln und zu schaffen. Was ist das Beschriebene anders als das hä ämin von Jesaia 7 auf der einen Seite, als der Glaube bei Paulus und den Reformatoren auf der anderen Seite! Luther hat das zuletzt zitierte Wort des Jesaia in den Türbogen meißeln lassen, durch den er täglich ein- und ausging. Wie wesentlich diese Umkehr zum Übersinnlichen, die zugleich tiefste reinigende Erschütterung und vertrauende Hingabe, vollkommene Gelassenheit und stärkster Antrieb ist, dem Propheten gewesen ist, das zeigt sich am deutlichsten darin, daß er seinem soeben erwähnten ältesten Sohn den seltsamen Namen gegeben hat: „Schear jaschub" „Ein Rest wird sein, der die Umkehr erlebt" Die dunkeln Gesichte, die ihn peinigen, der Untergang seines Volkes, dem es unrettbar entgegengeht — als er sein erstes Kind auf den Armen hält, da sucht und da sieht er einen Hoffnungsstrahl: Es werden Einige übrig bleiben, bei denen wird die große Wendung — wollte man es neutestamentlich ausdrücken, so möchte man wohl sagen: die fieravoicc — zum Erlebnis. Diese Schar der im Sturm des Endzeits-Gerichtes Übrigbleibenden, diese Gemeinde der Zukunft sieht der Prophet einmal unter dem Bilde eines Tempels; der ist erbaut auf einem Grundstein, „einem kostbaren Stein." Auf diesen Stein aber ist — gleichsam die Losung der künftigen Gemeinde, der Wahlspruch, um den sie sich sammelt — das Wort geschrieben: „Wer glaubt, der zittert nicht!" Wer möchte bei diesem Klassiker der alttestamentlichen Religion von „Gesetzlichkeit" im Sinne des späten Judentums oder im Sinne der Polemik Luthers reden? Wer möchte die „protestantische" Grundeinstellung seiner Frömmigkeit verkennen! Man muß sich gegenwärtig halten, daß er gleichzeitig mit diesem Aufruf zum „Glauben" die Geschäftigkeit des Opferkultus seiner Zeit einer nicht mehr überbietbaren Kritik unterworfen hat: 400