Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Jüdisch-Deutsch und Jüdisch-Spanisch
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 387 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895455-2896073--00451-2896236- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- İzmir 1× ep/1047963
OCR text
Jüdisch-Deutsch und Jüdisch-Spanisch Traditionen der einstigen Heimat haben sie, teilweise bis auf den heutigen Tag, noch treuer bewahrt In Marokko, in der europäischen Türkei und in den übrigen Balkanstaaten, in Kleinasien, Palästina und Ägypten sprechen die Sepbardim unter sich ausschließlich spanisch. Sie selbst nennen ihre Sprache nicht wie die heuligen Spanier „castellano", auch nicht „espanol", sondern „ladino" und haben davon das Zeitwort „ladinar" (übersetzen) gebildet Ähnlich wie im Jüdisch-Deutschen haben sich viele der älteren Sprache angehörige Werte und Formen erhalten, auch sind eine Anzahl hebräische und türkische (seltener griechische) Lehnwörter eingedrungen, doch grammatisch unterscheidet sich die Sprache nur wenig von der heutigen spanischen Schriftsprache. Trotzdem bestehen keine literarischen Beziehungen zwischen der heutigen Literatur des Mutlerlandes und dem jüdisch-spanischen Schrifttum, da dieses gleich dem Jüdisch-Deutschen im Gewände der hebräischen Schrift auftritt Doch hat sich noch viel aus der alten spanischen Literatur bei den Juden erhalten. So hat A. D a n o n eine größere Sammlung altspanischer Romanzen herausgegeben, die im Munde der Sephardim bis heute leben, und mit denen die Mülter ihre Kleinen in den Schlaf lullen. Auch die Sprichwörter, dieFoulche-Delbosc zu sammeln begonnen hat, sind größtenteils schon aus Spanien mitgebracht worden. Die im Orient entstandene Literatur ist dürftig und wenig selbständig. Das nach Umfang und Inhalt wichtigste Werk ist eine unter dem Titel l$h erschienene homiletisch-haggadische Erläuterung der ganzen Bibel von Jacob Kuli, die 1733 in Konstantinopel erschien und seitdem in vielen Auflagen verbreitet ist Im letzten Jahrhundert erschien eine Menge Übersetzungen aus abendländischen Sprachen und Lehrbücher für die verschiedensten Wissenszweige. Reich entwickelt ist die periodische Presse. Eine ganze Anzahl von Tages- und Wochenzeitungen erschienen und erscheinen zum Teil noch in Nordafrika und im Orient, so in Konstantinopel, Smyrna, Belgrad, Sophia und Saloniki In dieser Stadt leben unter einer Bevölkerung von über 100 ooo nicht weniger als 60 000 Juden, die ausschließlich sephardischer Abkunft sind. Sowohl die Vornamen als auch ein großer Teil der Familiennamen erinnert daran, daß hier ein Stück Spanien nach dem Orient verpflanzt ist In den letzten Jahrzehnten haben die Juden allmählich auch die jeweilige Landessprache sich angeeignet, doch in ihren Familien, Schulen und Vereinen herrscht noch das Spanische vor. Auch die Kanzelsprache ist spanisch, selbst in Wien, wo die aus dem Orient zugewanderten Sephardim seit 1887 eine schöne Synagoge besitzen. In den Jahren 1895/97 habe ich dort öfters spa- 387