Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Jüdisch-Deutsch und Jüdisch-Spanisch
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 388 (sequence 19)
- Language
- German
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F. Perles: Jüdisch-Deutsch und Jüdisch-Spanisch nische Predigten gehört Es verdient das insofern besondere Hervorhebung, als z. B. in Amsterdam, London und Hamburg das Spanische, bezw. Portugiesische aus dem Munde der heutigen Generation immer mehr schwindet und zum Teil völlig geschwunden ist Vor 70 Jahren noch besuchte König Pedro V von Portugal, gelegentlich seines Aufenthaltes in Amsterdam, die Synagoge, um dort eine portugiesische Predigt zu hören. Er war von derselben tief erschüttert und erklärte vor versammelter Gemeinde, daß die Vertreibung der Juden aus Portugal ein schweres Unrecht gewesen sei, das er gut machen wolle. Bei dem Erstarken des Nationalgefühls in allen Balkanstaaten, zu deren treuesten Untertanen die Juden zählen, steht zu erwarten, daß das Jüdisch- Spanische auch dort mit der Zeit nur noch eine liebe Familienerinnerung bilden wird. Zweifellos würden damit den orientalischen Juden große Gefühlswerte verloren gehen, doch zugleich auch ein sehr realer Schaden entstehen. Denn das Spanische war für sie bisher nicht nur ein Verständigungsmittel, das ein Band der Zusammengehörigkeit um die Juden so vieler sprachverschiedener Länder schlang, sondern es erleichterte ihnen auch die Erlernung des Französischen und Italienischen, und sie stellten durch die Kenntnis dieser Sprachen gleichsam die lebende Vermittlung zwischen Orient und Okzident dar. Es steht nicht in unserer Macht, die geschichtliche Entwicklung aufzuhalten, durch die vielleicht schon in der nächsten Zeit sowohl das Jüdisch- Deutsche als auch das Jüdisch-Spanische aufhören werden, die Umgangssprache für mehr als die Hälfte aller lebenden Juden zu bilden. Wohl aber ist es eine unabweisbare Pflicht für die Wissenschaft vom Judentum, diese beiden Volkssprachen und das in ihnen erhaltene Schrifttum gründlich zu erforschen, vor allem aber, solange beide Dialekte noch im Munde des Volkes leben, umfassende Grammatiken und Wörterbücher zu schaffen. Für jeden gebildeten Juden aber erwächst die Pflicht, nicht mehr schnellfertig über diese beiden bisher verkannten Sprachen abzuurteilen. Denn, wie wir sahen, sind sie nicht nur durch ihr Alter ehrwürdig, sondern sie sind auch geschichtliche Zeugnisse für die Treue, mit der die aus Deutschland und Spanien vertriebenen Juden in anderen Ländern inmitten einer fremdsprachlichen Bevölkerung die Sprache ihrer Heimat bewahrten, und zugleich Zeugnisse für die Kraft, mit der die auf sich selbst gestellten Juden auch in Ländern niedriger Kultur sich ein eigenes Geistesleben zu schaffen verstanden. 388