Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Jüdisch-Deutsch und Jüdisch-Spanisch
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 383 (sequence 14)
- Language
- German
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Jüdisch-Deutsch und Jüdisch-Spanisch ein Asyl suchen, das sie, wie einst Polen die deutschen Juden, gastlich aufnehmen sollte. Ein ganz kleiner Teil fand Einlaß in Südfrankreich und wurde dort nur stillschweigend geduldet, da seit i3g4 die Juden endgültig aus Frankreich vertrieben waren. Ihre Nachkommen leben noch heute in Bordeaux und Bayonne und sprechen untereinander spanisch. Der Hauptstrom der Vertriebenen aber wandte sich nach drei anderen Ländern: nach Marokko, Italien und der Türkei. Nach Marokko zog viele nicht nur die Nähe des Landes, sondern auch die Erinnerung an die glückliche Zeit der Maurenherrschaft in Spanien. Als Opfer katholischer Unduldsamkeit hofften sie von ihren mohammedanischen Schicksalsgenossen mit offenen Armen aufgenommen zu werden. Doch es begann für sie dort eine Leidenszeit, die noch heute nicht ihren Abschluß erreicht hat Ihre Umgangssprache ist mitten in der arabischen Umgebung noch heute das Spanische. Ein anderer Teil der Exulanten ging nach Italien, namentlich nach Venedig, wo noch heute die herrliche Synagoge im alten Ghetto und die vielen spanischen Grabsteine des jüdischen Friedhofes auf dem Lido von jener Zeit erzählen. Der Hauptstrom der Auswanderer ergoß sich aber nach der Türkei, die die Juden förmlich ins Land rief. Durch die Eroberung Konstantinopels i453 war die Türkei eine europäische Macht geworden und bedurfte tatkräftiger, intelligenter und zuverlässiger Bürger, um die Bildung und den Wohlstand des Reiches zu fördern. Unter den Mohammedanern fehlte die genügende Anzahl, und da man keine Christen ins Land ziehen wollte, waren die Juden das gegebene Element zur Hebung des Reiches. Sie wurden dort nicht nur mit Freuden begrüßt, sondern dauernd geschützt und rechtlich besser gestellt als in irgendeinem damaligen Lande. Die spanischen Juden waren auf diese Weise nach vier Ländern mit ebenso viel verschiedenen Landessprachen verstreut; doch sie erhielten sich den Zusammenhang, indem sie die Traditionen des Mutterlandes auch in der Ferne pflegten. Sie haben nicht nur den sephardischen Ritus des Gottesdienstes treu bewahrt, sondern auch die schöne vollklingende spanische Sprache mitten in der fremdsprachlichen Umgebung bis heule beibehalten. Das gab ihnen eine kulturelle Überlegenheit namentlich gegenüber den Türken, und zugleich hat das Judentum auch moralisch gewonnen. Die spanische Sprache war nämlich das Band, das die Juden der genannten Länder mit den in Spanien zurückgebliebenen Marannen verband. Die Marannen waren diejenigen Juden, die während der Verfolgung, um ihr Leben zu retten, sich äußerlich zum Katholizismus bekannt hatten, aber im 383