Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Jüdisch-Deutsch und Jüdisch-Spanisch
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 382 (sequence 13)
- Language
- German
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F. Perles denen zu empfehlen, die den ernsten Willen haben, den Ostjuden in seiner ganzen Eigenart kennen zu lernen. Ein solcher Wille besteht heute nicht nur bei vielen deutschen Juden, sondern auch trotz allem und allem in weiten christlichen Kreisen. Seitdem die deutschen und österreichischen Heere im August 1914 in Polen einmarschierten und die Heeresleitung der verbündeten Armeen sich in jenem denkwürdigen jüdisch-deutschen und hebräischen Aufruf an die dortige jüdische Bevölkerung wandte, sind unzählige Offiziere und Mannschaften, die die polnischen Juden bis dahin höchstens vom Ansehen oder nur vom Hörensagen kannten, ihnen menschlich näher getreten, haben sie in ihren Wohnstätten, häufig leider nur auf den Trümmern ihrer Wohnstätten kennengelernt und einen Einblick in ihr wirkliches Wesen gewonnen. Dabei ist auch das Jüdisch-Deutsche zu seinem Rechte gekommen. Denn aus einem verachteten Dialekt, „der höchstens für einen schlechten Witz sich verwenden ließ", wurde es mit einem Male zum wichtigsten Verständigungsmittel im slawischen Osten. Die Zukunft des Jüdisch-Deutschen kann heute niemand vorhersagen. Es hat nämlich heute im Osten einen schweren Kampf nach zwei Fronten zu führen. Auf der einen Seite wollen nämlich gerade die begeistertsten Juden an seiner Stelle das Hebräische zur Volkssprache machen, und auf der anderen Seite wird von manchen Regierungen mit allen Mitteln an seiner Ausrottung gearbeitet Doch selbst wenn in Rußland und den Randstaaten allmählich die jeweilige Landessprache an Stelle des Jüdisch-Deutschen treten wird, bleibt diesem doch ein hohes und unleugbares geschichtliches Verdienst Denn es hat während eines halben Jahrtausends in den Ostjuden das Bewußtsein der engen Zusammengehörigkeit aufrecht erhalten. Es ist dadurch Quelle und Ausdrucksmittel eines eigenartigen Geisteslebens geworden und hat gleichzeitig den Boden geschaffen, auf dem heute neue Perspektiven für die Entwicklung der jüdischen Kultur sich eröffnen. Als Hilfsmittel für das Studium des heute gesprochenen Jüdisch-Deutsch seien vor allem genannt: Salomo Birnbaum, Praktische Grammatik der Jiddischen Sprache für den Selbstunterricht, A. Hartleben, Leipzig und Wien 1917; H. L. Strack, Jüdisches Wörterbuch, J. C. Hinrichs, Leipzig 1916; H. L. Strack, Jüdisch-deutsche Texte ebd. 1917. Wenden wir uns nunmehr dem Jüdisch-Spanischen zu, das in mehr als einer Beziehung eine wunderbare Parallele zum Jüdisch-Deutschen bildet, sodaß man geradezu von einer Duplizität der Erscheinungen reden kann. Die im Jahre 1492 aus Spanien und i497 aus Portugal vertriebenen Juden mußten 382