Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Jüdisch-Deutsch und Jüdisch-Spanisch
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 375 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisch-Deutsch und Jüdisch-Spanisch lebende Sprache ist im Anhang von S. Birnbaums unten angeführter Grammatik verzeichnet Im Rahmen eines kurzen Artikels läßt sich kein erschöpfendes Bild vom Sprachcharakter des Jüdisch-Deutschen geben, und so müssen hier einige Angaben genügen. Das Jüdisch-Deutsche selbst zerfällt in zwei Unterdialekte: einen nördlichen litauischen und einem südlichen polnischen, der auch in der Ukraine, Ungarn und Rumänien gesprochen wird. Diese beiden Unterdialekte weichen namentlich im Vokalismus stark von einander ab und haben sich nicht erst auf ihrem jetzigen Boden gebildet, sondern gehen schon auf verschiedene Dialekte der deutschen Heimat zurück. Denn auch das Mittelhochdeutsche zerfällt in mehrere scharf unterschiedene Dialekte, die die aus den verschiedensten Gegenden Deutschlands ausgewanderten Juden nach der neuen Heimat verpflanzten. Teilweise haben sich die Dialekte dort wieder miteinander vermischt, sodaß der Sprachforscher oft vor eine recht schwierige Auf gäbe gestellt ist Der jüdisch-deutsche Dialekt Polens steht der in der Umgebung von Frankfurt a. M. gesprochenen oberdeutschen Mundart1) am nächsten, während der in Litauen gesprochene Dialekt sich mehr mit mitteldeutschen Mundarten berührt Daraus erklärt sich die scheinbar auffallende Tatsache, daß in Süddeutschland, wo bis heute oberdeutsche Mundarten gesprochen werden, der polnische Jude sich ungleich leichter verständigen kann, als in Norddeutschland. Auch einige Eigenheiten seiner Aussprache sind im Oberdeutschen vertraute Erscheinungen, so die Aussprache des betonten a wie o, die im bayerischen und österreichischen Dialekt sich wiederfindet, und die harte Aussprache des ch in Worten wie „ich", „euch", die unserem Ohr so fremd klingt, während im bayerischen Gebirge, in Tirol und in der Schweiz die Bevölkerung genau so spricht Auch in der Betonung hat das Jüdisch-Deutsche manchmal das ältere und ursprünglichere bewahrt z. B. lebendig statt lebendig. Vor allem aber haben sich im Jüdisch-Deutschen eine große Anzahl von Formen, Worten und Bedeutungen erhalten, die in der neuhochdeutschen Schriftsprache längst verschwunden sind und nur zum Teil in den Volksmundarten fortleben. Aus dem reichen von Jacob Gerzon2) gesammelten Material seien nur folgende Beispiele herausgegriffen: Zunächst einige Zeitwörter: darfen im Sinne von brauchen, nötig haben, k o j 1 e n schlachten, s i f z e n seufzen, t o r n dürfen, 1) Man denke auch an die Familiennamen Spiro (Speyer), Garmisa (Worms), Landau, Mainz, die noch heute im Osten verbreitet sind. 2) Die jüdisch-deutsche Sprache. Eine grammatisch-lexikalische Untersuchung ihres deutschen Grundbestandes Frankfurt a.M. 1902. 375