Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Jüdisch-Deutsch und Jüdisch-Spanisch
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 374 (sequence 5)
- Language
- German
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F. Perles Eigentum nicht mehr sicher waren. So wanderten sie nach Polen aus, wo man ihre Menschenwürde nicht mit Füßen trat und wo ihnen Schutz und Erwerbsmöglichkeit geboten wurde. Irdische Güter besassen sie nicht, die sie nach ihrer neuen Heimat mitnehmen konnten, aber zwei geistige Güter, die sie bis auf den heutigen Tag unter den ungünstigsten und schwierigsten Verhältnissen treu gewahrt haben: Die tiefe Kenntnis ihres religiösen Schrifttums, speziell der talmudischen Literatur, und die deutsche Sprache. Welche Gründe waren es, die sie veranlaßten, mitten in einer slavischen Umgebung die Sprache ihres StiefVaterlandes weiterzupf legen? War es etwa nur ihre Abgeschlossenheit, die uns diese auffallende Erscheinung erklären könnte? Keineswegs. Denn wenngleich die Juden sich auch in Polen eng aneinander anschlössen und vor allem nur untereinander heirateten, hätten sie doch schon aus rein praktischen Gründen die Landessprache schnell angenommen, wenn nicht ein tieferliegender Grund sie zur Beibehaltung des Deutschen bewogen hätte. Die Juden nahmen nämlich auf ihren vielen Wanderungen mit sicherem Gefühl immer nur die Sprache eines kulturell höher stehenden Volkes an, und trotzdem damals Deutschland noch nicht auf der Stufe stand, die es im Zeitalter des Humanismus erreichen sollte, war es doch im Vergleich zu dem sozial und kulturell noch völlig unentwickelten Polen das höher stehende Land. Es macht daher der Urteilsfähigkeit der damaligen Juden alle Ehre, daß sie trotz der in Deutschland erfahrenen Behandlung sich nicht über die kulturelle Rückständigkeit ihrer so viel gastlicheren neuen Heimat täuschen ließen und darum ausnahmslos an der deutschen Sprache festhielten. Während aber in Deutschland die Sprache sich fortwährend entwickelte, blieb sie bei den Juden in Polen, wo sie nur eine Insel im slawischen Sprachen^ meer war, auf der damaligen Stufe stehen und erscheint in ihrem Lautbestand, in ihren Formen und in ihrem Wortschatz wie ein erstarrtes Stück Mittelalter in der Gegenwart Die Germanistik findet daher in dieser lebenden Sprache eine unerschöpfliche Fundgrube für sprachgeschichtliche Studien und hat auch schon begonnen, die hier erhaltenen Schätze zu heben. Die wichtigsten Werke und Arbeiten speziell über das ältere Jüdisch-Deutsch von Zunz, M. Grünbaum, Güdemann, J. Perles, A. Landau sind in meiner Arbeit „Zur Erforschung des Jüdisch-Deutschen" i) angeführt Die Literatur über die x) Ia Beitr. z. Gesch. d. deutschen Spr. u. Lit. 1918, 296/309. 1919, 182/4. 374