Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Friedrich Gundolf und die deutsche Geisteswissenschaft
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 368 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Herbert Gjsarz mangelt dieses Einklangs. Die Norm liegt jenseits seiner Natur. Gundolf tritt also nicht in den eigenen Kreis solcher trotzigen Abwegigkeit, sondern visiert stets auf den Shakespeare-Goethe-George-Horizont, aus Gegenüberstellung deutend, wertend, urteilend: Er enthüllt Kleists „tiefen Mangel an Richtigkeit", der auch Goethe befremdet hat Freilich, sogar die antithetisch gepackten Züge der Zerrissenheit und Krankheit fügen sich zu runder Schau: Die Dämonie des an widerstrebende Materie gefesselten Geists, das Wühlen und Wüten in fremdem Gehaus, das vulkanische Auflodern und jähe Zusammenbrechen, das alles gewinnt hier Symbolik, in riesenhaften Gemälden menschlicher Urgef Ohle, voll großartiger Einfalt und heißen Lebens . . . Besonderer Erörterung bedürften die dramaturgischen Sichten des Buchs, auch manche Abweichungen von der „vollen ikonischen Wahrhaftigkeit" (Nietzsche). Im Weiteren tut der „Kleist" einen letzten Schritt der stilistischen Meisterschaft:. Die Sprache, voll Helle und Zartheit zugleich und voll Bestimmtheit und Emdringlichkeit, weder gebosselt noch geschmückt, quillt über an Figuren und Tönen und Ordnungen, aus überschwenglich reicher Formenphantasie; in flutender Üppigkeit dahinstürmend und aufschäumend, voll dichter und markiger Gleichnisse, ganz weiten Schwungs und langen Atems, von natürlichen Adern und Nerven durchzuckt, knüpfend und lösend, bindend und türmend, die Atmosphäre jedes Einzelstücks subtil und schmiegsam nachdichtend. Nur Stellen des „Cäsar" vermögen hiermit zu wetteifern. Gundolf läßt nunmehr eine Reihe porträthafter Studien folgen, von teilweise älterer Herkunft: Da ist der „Martin Opitz", mehr historisch als ästhetisch eingestellt, wertvoll als Einführung mehr in die Lebensform als in die Kunstform des Barock-Zeitalters; ein Grimmelshausen-Aufsatz in Shakespeare-Farben von grandioser Leuchtkraft; eine kritische Abhandlung über und vielfach gegen Schleiermacher; drei Reden an die deutsche Nation, über Hutten, Klopstock und Arndt . . . Die sechsteilige Shakespeare-Ausgabe und -Übersetzung: „Shakespeare in deutscher Sprache", deren Neubearbeitung soeben in der zweiten Auflage erschienen ist, steht außerhalb des hier gezogenen Rahmens: ein Stück vom Schicksal unserer Zeit, ein Pegel deutscher Sprachkultur des XX. Jahrhunderts, ein literarisches Epochenzeugnis und zugleich ein prometheisch-unbedingtes Wagnis, erheischt sie Szene für Szene Vertiefung und Prüfung. Auch Gundolfs jüngstes Werk verläßt nicht eigentlich das geisteswissenschaftliche Geheg: der „Cäsar" (1924)» mit dem Untertitel „Geschichte seines Ruhms". Ein Buch, das nach Wesen und innerer Form allein den „Welt- 368