Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Friedrich Gundolf und die deutsche Geisteswissenschaft
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 369 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Friedlich Gundolf und die deutsche Geisteswissenschaft geschichtlichen Betrachtungen" Burckhardts verglichen -werden darf! Trotz all den umfassenden Bildungsmassen und universal-historischen Perspektiven an keiner Stelle ein Verweilen im Pragmatischen, das eben Gundolf, bar der i^sprünglichen Tat-Impulse und der Rankeschen Erzähler-Leidenschaft, von der stofflichen Ebene weise auf die des Gehalts rückt: Er zeichnet den Herrscher und Feldherrn im Spiegel seines literarischen Gestaltwandels, ein mittelbares Verfahren, das aber den Zauber des divus ohne Umdeutung und Übertragung in strahlender Schönheit bewahrt Unter den Weltwundern ist Cäsar für Gundolf wieder der „richtigste Mensch", ungleich dem singulären Mythenwesen Alexander; „seine Dauer und sein Wandel kommt aus der einzigen Verbindung von Größe und Norm" Genial und schlicht, simpel und stark, nüchtern und kühn; wuchtig und triebrein, gelassen und taktvoll, beharrlich in Zucht und Glut Er zieht durch den Orbis terrarum, wie der Bauer über den Acker schreitet; alle Tat ist ihm Ausdruck nicht Zweck; ein klassischer Mensch aus griechischer Bildung und römischem Schollentum . . . Gundolfs Historie ist wahrlich vitae magistra, nach Nietzsches Gebot Die Helden der Vorzeit werden mit Blut beschworen; Gestalten und Gebilde erscheinen als brandende Ströme und zugleich als ewige Mächte; Diesseitslust wird gestärkt, Stufensinn wird geweckt, Verantwortungsbereitschaft wird gespornt durch die Erkenntnis, daß wir auch unser Schicksal entscheiden durch das Ja oder Nein zu geschichtlichen Geistern. Historie bleibt nicht bloß Vergangenheits-Erinnerung, sondern auch Gegenwarts-Formung und Zukunfts-Trieb. Die Geisteswissenschaft als Lebenswissenschaft, als Menschenwissenschaft, als echte Wertwissenschaft ist hier zum ersten Mal verwirklicht 369