Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Friedrich Gundolf und die deutsche Geisteswissenschaft
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 367 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Friedrich Gundolf und die deutsche Geisteswissenschaft form von Kosmischem und Mikrokosmischem, birgt selbstverständlich einen objektivistischen Nerv. Nun wird die Höhe und die Ferne solcher Art gewürdigt: Die wahre Norm ist seltener als die sublimste Sonderheit, auf hunderttausend Fachbegabungen kommt noch nicht ein Gesamtmensch. Nur im göttlichen Menschen werden Zeit und Raum eins, und dieser ist in den letzten zwei Jahrhunderten gerade fünfmal geboren worden... Es bleibt gewiß bedeutsam, der verderblichen Verwechslung jener Norm mit dem gemeinen Durchschnitt vorzubeugen; schon Schiller hat aus diesem Grund den Abstand oft betont Problematischer scheinen andere Früchte solches Heldenkults, dem wieder Nietzsche den Schwung und George den Stoff gibt, der aber doch bei Gundolf eine selbstgewisse, selbstbedingte Lebensform, ein schicksalvolles Müssen bleibt, dem wir als menschlichem Bekenntnis, als Erzieher- und Schriftsteller-Wirken Verehrung schulden. Trotzdem kann hier, mit Dilthey, die Frage gestellt werden: woher wissen wir (wir, die es wissen) von dem Zusammenfall des Räumlich-Ideellen und des Individuell-Geschichtlichen? Wir müssen diesen Vorgang irgendwie, wenigstens fragmentarisch, in uns tragen, sonst kennten wir ihn nicht; denn in der Außenwelt ist er uns nirgendwo gegeben. Die Kunst gilt uns zwar als ein Höchstmaß, aber eben darum nicht als Sondermaß des Menschlichen. So wenig der Dichter vor dem Maler oder der Maler vor dem Musiker von vornherein einen Vorzug hat, so wenig Begabung an und für sich mehr wiegt als Anständigkeit oder Anständigkeit mehr als Begabung, so wenig ausgesucht die Armen am Geist in den Himmel kommen oder umgekehrt die Reichen, ebenso wenig läßt sich kritisch dartun, daß wer etwas formt, edler und vornehmer sei als wer etwas lebt Wie viele Maximine mag die Erde decken?! ... In welchen Weiten und Zusammenhängen der Lebens- und Geschichtsphilosophie solche Betrachtungen verankert sind, kann hier nicht angedeutet werden. Gundolf isoliert Grenzfälle und zeigt an ihnen neues Maß und neue Perspektive: So stark und schön und licht ist die Welt nur in wenigen Geistern und Werken. Sie muß sich indes auch an kleineren erfahren lassen: Es liegt nur alles daran, daß hier nichts abgedingt wird Yon der höchsten Forderung, die über allen Menschen hängt Und eben als ein Wahrer dieser Forderung, mit ihrem Maß und ihrer Perspektive, wird Gundolf auch auf diesen Wegen allen Heutigen und Späteren voranleuchten. Im „George" hat Gundolf seine Kammhöhe erreicht Der „Kleist" (1922) bietet zu diesem Standbild den erhöhenden Kontrast Bei Goethe und George stimmt gesamtmenschliches Sein mit unbedingtem Sollen überein. Kleist er- 367