Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Friedrich Gundolf und die deutsche Geisteswissenschaft
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 366 (sequence 5)
- Language
- German
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Herbert Cysarz der Bewegung in sich geschlossene Gestalten schafft, in denen Allgemeines und Besonderes verschmilzt Mit Hegel teilt so Gundolf das Erlebnis des Zusammenfalte von Zeitlos-Wesenhaftem und Geschichtlich-Eigentümlichem; mit Bergson (gegen Hegel) die Auswertung dieses Aspekts nicht durch ein statisches Ideengeflecht, sondern durch einen Organismus lebendiger Kräfte, eher Plotinisch als Platonisch; und mit Dilthey verbindet ihn jene kritische Einschränkung, die nicht wie Hegel stets und überall Idee und Wirklichkeit eins werden läßt, sondern allein Un Schöpfungen der erhabensten Kunst Unter einigem Vorbehalt kann Mehreres in Simmeis Meister-Buch „Lebensanschauung" als theoretische Umschreib' > Gundolf scher Energien gelten. . . In Goethe also sieht Gundolf — er sieht unmittelbar, aber das reine Sehen schließt eben immer auch theoretische Gültigkeit ein! — das wesenhafte Sein dem individuellen Kairos sich vermählen: Idee wird Leib, persönliche Entfaltung bringt Ewigkeitswerte hervor. Gundolf veranschaulicht diesen Einklang von Werden und Sein, Zeit und Raum im vielbewußten Gleichnis einer Strahlenkugel: „Goethes Werke sind also Jahresringe, Jahreszonen der Goetheschen Entwicklungskugel, nicht Stationen einer Goetheschen EntwicHungslinie." Solches Geschehen kann notwendig weder durch das Nebeneinander der Werke erschöpft werden, noch auch durch das Nacheinander der Biographie; und so gelangt denn Gundolf, um jener Harmonie gerecht und wahlverwandt zu bleiben, zum Verfahren seiner Wesensschauung, die weder biographische Fäden spinnt noch eine museale Galerie der Werke reiht, sondern das Räumlich-Ideelle mit dem Lebendig-Zeithaften durchdringt, geisteswissenschaftlich in jedem hohen und strengen Sinn dieses Ausdrucks. Dem „Goethe" folgt die künstlerisch geschlossenste und menschlich reichste Schöpfung Gundolfs: der „George" (1920). Ein Porträt von gigantischen Dimensionen, fast hieratisch dank der bloßen Suggestion der Maße, gegliedert und gestuft wie ein jonischer Tempel. Treten im „Goethe", trotz aller synthetischen Konzeption, die raumhaften Momente immer wieder in den Vordergrund, aus Widerspruch gegen die alten Fortschritts- und Entwicklungslebren, so läßt der „George" dem Zeitlichen weitere, wenn auch vorwiegend feindliche, Geltung: Die Götter sind immer; aber sie leben nur, wenn sie die Körper einer Zeit annehmen. Das zeugende Nu, der entscheidende Augenblick, die unwiederbringliche Schicksalsstunde empfängt hier einen Sendling aus dem Reich der Mütter... Im Übrigen leiht der „George" besonders dem aristokratischen Ethos verstärkten Akzent: Die Grundansicht des „Goethe", Ein- 366