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Der Morgen · 1925-08-01 · Heft 3 (August 1925) · p. 365

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 3 (August 1925)
Article
Friedrich Gundolf und die deutsche Geisteswissenschaft
Date
1925-08-01
Page
365 (sequence 4)
Language
German
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Friedrich Gundolf und die deutsche Geisteswissenschaft kreis es; wildeste Spannung in härteste Form bändigend, weder toten Beobachtungsmassen und freiheitraubenden Dogmen erliegend, noch auch in Michelangeleskes Übermaß der Ich-Gewalten stürzend, vielmehr Erfahrung und Seele gesamtmenschlich gattend. Die Darstellung läßt allzeit die schaffenden Kräfte heraustreten, wogend und wallend und zeugend über und hinter aller gegenständlichen Einkörperung, in überwältigenden Bildern dumpfen Werdens und zielvollen Wachsens. Mit untrüglichem Echtheitssinn wird Gebild und Gemächt unterschieden, mit hellhörigstem Stufensinn die Seinshöhe gemessen: Historisches Sondern und Knüpfen wird hier zum Dienst an Gesetzen des geistigen Kosmos, dessen Hierarchie in kühnen Symbolen sich spiegelt Erhebend ist die Weite von Gundolfs Sinnlichkeit, die ungeheuere morphologische Komplexe noch formhaft mit dem Blick umgreift; erlösend ihre Helle, die selbst in dichtestem Gestrüpp und in dämonischem Zwielicht voll unbefangener Sicherheit waltet Gundolf sieht, was der Durchschnitt nur ahnt; er faßt, was diesem zerfließt; er erkennt, ohne fest-zustellen und er. enträtselt, ohne zu verraten, Entdecker und zugleich Gestalter. Dies ist auch das Mal seiner sowohl in überströmender Fülle wuchtenden als auch in schöpferischer Strenge aufbauenden Sprache. Monumentaler noch verkörpert solches Welt-Bewußtsein sich im „Goethe" (1916), diesem ersten Meisterwerk und Musterstück aller geisteswissenschaftlichen Monographik: Goethe als fleischgewordene Norm des Menschentums, das seinen Schwerpunkt allerwege in sich trägt, im Gegensatz zum tüchtig Strebenden oder magisch Verrannten, zum blind Geschäftigen oder dem stofflos Subjektiven; der wahrhaft „antikische Mensch", vollendet in jedem Augenblick ... Hier herrscht nicht Diltheys resignierte Analytik, die Individuell- Geschichtliches und Allgemein-Ideelles nur in ewigen Wechselbezug führt, ein stetes Hinundher zwischen Erleben und Verstehen, das bestenfalls bei einem Optimum Halt machen, niemals zu lauterer Durchdringung emporsteigen kann. Gundolf fußt nicht auf den geschichtsphilosophischen Fundamenten Kants oder Diltheys, sondern gehört jener zweiten, in theoretischer Hinsicht vorzüglich lebensphilosophisch gegründeten, Hemisphäre der Geisteswissenschaft an, die in Goethes Naturforschung (nicht zuletzt in der Farbenlehre) ihre Wiege und in Henri Bergson ihren großen Paten hat Für solche Anschauung geht es nicht um die ziel- und endlose Aristotelische Korrelation zwischen Besonderem und Allgemeinem, vielmehr um ein Widerspiel, das zwar vielleicht einen ewigen Kampf zwischen Leben und Form bedeutet, indessen doch in jeder Phase 365

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