Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Friedrich Gundolf und die deutsche Geisteswissenschaft
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 364 (sequence 3)
- Language
- German
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Herbert Cysarz and Bizarrerien. ... So wird für Gundolfs Aug das Göttliche und Ewige in der Gestalt des Menschen sichtbar und nur in dieser. Der Kern der Persönlichkeit ist, was an gesamt-menschlichem Wesen — nach Gundolf schroff zu scheiden vom allgemein-menschlichen — sie in sich verwirklicht hat Er forscht (und formt) deshalb nirgends dem Eigentümlichen, Aparten, Zackigen der Einzelerscheinung nach, noch weniger deren Zustanden und Umständen, vielmehr allein den Kräften, die den Organismus durchwirken und die bei allem Individual-Charakter doch sein Über-Zufälliges, Über-Singuläres bilden. Der Stufengang der Werte kennt hier nicht Begabungsgrade, nur Seinshöhen! Dem polytechnischen Zeitalter liegt alles an den Quanten der Begabung, des Könnens und Habens; nach diesen schätzt es die Menschen, und nicht nach den Niveaustufen, die jenes Bildungsgerät und Leistungswerkzeug tragen: Als wäre der am kunstvollsten abgerichtete Star dadurch dem Adler ebenbürtig! Wahrer Heroenkult hingegen, wie Gundolf ihn der Zeit und ihrer Wissenschaft entgegenstellt, setzt andere Akzente: Der Mensch soll höher und heiliger werden, nicht nur seine Ideen, seine Mittel und Vehikel. Ordnungen und Systeme veralten und verblassen. Unsterblich der Mensch, der beides von Neuem erweckt Lebendig der Einzelne, so lang er es tut Nur im Menschen birgt sich Gottheit, Gnade und Größe, nur am Menschen vermag der Glaube an letzte Dinge Bewährung und Stütze zu finden. Begeisterung für den heldischen Menschen — nicht für das genialische Ausnahmewesen mit gesteigerten Sondermerkmalen, vielmehr die runde Norm — das ist ein Bezug zu ewig Seiendem, zu nicht Bedingtem. Gundolf begründet eine zyklische, nicht progressive Historie, nach Nietzsches Mahnung und Georges Urbild: „Aus einer ewe pfeilgeradem willen führ ich zum reigen, reiß ich in den ring". Gundolfs geisteswissenschaftliche Erstlinge sind die Beiträge zu den drei Bänden des „Jahrbuch für die geistige Bewegung", in denen die Jünger Georges zum erstenmal zur geisteswissenschaftlichen Gemeinde sich zusammenschließen, wie in den „Blättern für die Kunst" zum dichterischen Rund. Das Jahr 1911, in dem auch — mit der Antritts-Vorlesung über „Hölderlins Archipelagus" — sein akademisches Wirken beginnt, zeitigt das erste Großwerk: „Shakespeare und der deutsche Geist". Hier ist bereits jegliches Seher¬ und Bildnertum Gundolfs reg: Nicht monstrum in excessum ist ihm Shakespeares heilig glühender Titanengeist, sondern das Allergesündeste, Kompletteste, Vollkommene, erdumspannend ohne stoffliche Beschwernis, Gleichmaß der Kräfte und naturhafte Ordnung und gegenständliche Erfüll theit jedes Lebens- 364