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Der Morgen · 1925-08-01 · Heft 3 (August 1925) · p. 363

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 3 (August 1925)
Article
Friedrich Gundolf und die deutsche Geisteswissenschaft
Date
1925-08-01
Page
363 (sequence 2)
Language
German
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Herbert Cysarz: Friedrich Gundolf und die deutsche Geisteswissenschaft eines solchen längstvergangnen Momentes noch lebendig, hell und groß sei"; in solchem Geist „erwachen immer wieder einige, die sich, im Hinblick auf das vergangne Große und gestärkt durch seine Betrachtung, so beseligt fühlen, als ob das Menschenleben eine herrliche Sache sei, und als ob es gar die schönste Frucht dieses bitteren Gewächses sei, zu wissen, daß früher einmal Einer stolz und stark durch dieses Dasein gegangen ist, ein Andrer mit Tiefsinn, ein Dritter mit Erbarmen und hülfreich — alle aber Eine Lehre hinterlassend, daß der am schönsten lebt, der das Dasein nicht achtet"; Ruhm ist hier nur die Bürgschaft des Zusammenhangs des Besten aller Zeiten, „ein Protest gegen den Wechsel der Geschlechter und der Vergänglichkeit". So weit der antihistoristische Kulturankläger. . . Gundolf als erster hat wahrhaften Nietzsche- Sinn in die Literaturwissenschaft gesenkt, seine Wucht, seinen Glanz, sein Gewissen. Und er vollbringt dies im Zeichen seines Führers Stefan George, dessen Atem durch fast jeden Satz und jede Seite Gundolfs glüht: Was Nietzsche fordert, das lehrt George ihn einlösen! Nietzsche nun und George begegnen sich mit dem deutschen Idealismus im Grundakkord: Die Welt ist der Mensch; der Mensch ist füglich ein Unbedingtes. Doch solche Thesis Nietzsches und der Älteren bliebe nur Ideologie, wenn Gundolf sie nicht an Georges Physis körperlich erfahren hätte: „Solch tröstliche Gewähr könnte uns kein Rückblick auf Hellas und Rom, auf Cäsar und Goethe geben, keine Verheißung Nietzsches und keine dumpfe Sehnsucht ahnungsvoller Zeitgenossen, keine Philosophie und keine Eschatologie, sondern nur die Gegenwart in einem leibhaftigen Mann." Und all dies bliebe Privatsache, wenn Gundolf es nicht auch in ragendes Gebild geprägt hätte: Die Reihe seiner Bücher zeugt hehr für diese Schau und dieses Wissen. . . . Auf solchen Pfeilern also ruht der Bau der Gundolf sehen Historie: Alle Historie hat es stets mit dem Lebendigen zu tun, und zwar, sofern dieses Lebendige ein Wesentliches ist; was einer ist, nur darauf kommt es an: auf Blut und auf Schicksal, nicht Mögen und Machen; was nicht zur Tat, zum Leid oder zur Form geworden ist, darf billig vergessen werden. Aus Stoffen und Eigenschaften, aus Fähigkeiten und Fertigkeiten wird so das unmittelbare Müssen des Menschen herausgelöst Indessen auch an diesem bleibt nur wertvoll, was einzig und zugleich Gesetz, durch seine Gesetzlichkeit einzig ist, und nur solchem wesenhaften Menschentum widmet sich echte Geisteswissenschaft Die ewige Norm unseres Seins, die die griechischen Götter verleiben und der die deutsche Klassik zustrebt, allein diese Norm ist der Gegenstand wahrer Historie; nicht all die bloß interessanten Varietäten, Anomalien 363 23*

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