Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1925-08-01 · Heft 3 (August 1925) · p. 362

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 3 (August 1925)
Article
Friedrich Gundolf und die deutsche Geisteswissenschaft
Date
1925-08-01
Page
362 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2895450-2895451-2895455-2896072--00425-2896211
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Friedridi Gundolf und die deutsche Geisteswissenschaft Von Herbert Cysarz Gundolf hat unserer Historie Beziehung zu Höchstem und Wurzel in Tiefstem gegeben, Qualitätstrieb und Lebensverstand, heldisches Maß und steiles Fordern. Träger eines schöpferischen Willens verkündet er ein neues Ethos und ein neues Weltbild: Er sprengt ein Fachgehäus und tritt auf ein menschliches Forum; er dient nicht nur dem Ernst der Forschung und der Forscher, sondern auch dem Ernst des zu Erforschenden; nicht wahlloser Wahrheit gilt seine Ehrfurcht, vielmehr der wesensvollen Wirklichkeit Seele und Saft der Geisteswissenschaft formen sich hier gesunden Leib, inmitten einer Woge weltgeschichtlichen Zusammenbruchs und geborstenen Fortschrittwahns, inmitten verzweifelten Kampfs um Sein oder Nichtsein des Geists gegen wirtscbaflHch-technische Übermacht . . . Vieles, was Gundolf vor einem Jahrzehnt zuerst aus dem Dunkel gerissen, ist seither bereits selbstverständlich geworden; Manches wird noch lange problematisch bleiben; ephemer ist nichts an diesem Werk. Anregung und Erfüllung, Vollendung und Aufbruch zugleich? Darüber werden Spätere das Urteil fallen. Schon heut aber liegt offen zutag: Nirgends bloß Ansturm und Befreiung, überall mehr als Reiz und Anregung. . . . In Gundolfs Geisteswissenschaft ist Glaube von Nietzsches Glauben und Fleisch von Georges Fleisch. Er folgt der Bahn, die einstmals Jakob Burckhardt und Herman Grimm geschritten sind, der ein Prophetenaug in der zweiten der „Unzeitgemäßen Betrachtungen" Richte und Ziel gesetzt hat: „Monumentale Historie", so heißt bei Nietzsche diese Zuversicht, „daß die großen Momente im Kampfe der Einzelnen eine Kette bilden, daß in ihnen ein Höhenzug der Menschheit durch Jahrtausende hin sich verbinde, daß für mich das Höchste 362

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.