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Der Morgen · 1925-08-01 · Heft 3 (August 1925) · p. 359

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 3 (August 1925)
Article
Zwei Legenden
Date
1925-08-01
Page
359 (sequence 2)
Language
German
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Else Schubert-Christaller: Zwei Legenden eine Schuld hast da an mir gesehn, daß du mich so erniedrigst? bin ich nicht wert, daß ein Weiser neben mir sitze? Habe ich nicht Tag und Nacht geforscht in deiner Schrift? Habe ich je zur rechten Zeit nicht gebetet? Habe ich je mit ungewaschenen Händen ein Brot gegessen?" So saß er die ganze Nacht und haderte mit Gott, und sein Herz war betrübt zum Sterben. Um dieser Sache willen wich all seine Zuversicht von ihm, und er grämte sich alle Tage und fand kein Ende. Da sprachen seine Schüler zu ihm: „Unser Meister möge doch in dieselbe Stadt gehn da der Metzger wohnt, ihn zu sehn. Vielleicht, daß der Mann neben seiner Arbeit sich der Lehre widmet und in den frommen Geboten erfahren ist und sie alle hält, also daß er trotz seiner groben Hantierung unserm Meister ebenbürtig wäre?" Da sie so seinen gehegten Wunsch aussprachen, willigte er ein und machte sich auf und reiste nach derselben Stadt Als er dorthin kam, gingen ihm die Ältesten der Stadt entgegen, ihn zu ehren und luden ihn in ihr Haus. Er aber sprach: „Nein, sondern nur bei dem Metzger will ich herbergen." Da führten sie ihn hin, und der Metzger war hoch erfreut und eilte, Kissen und Decken zu breiten zum Sitz, und aufzutragen was immer seine Hand vermochte vor dem Gast, ihn zu ehren. Da sah der Weise wohl: ganz schlicht war der Mann, und sein Gehaben nicht wie eines Schriftkundigen, auch die frommen Bräuche wußte er nicht, und sein Herz betrübte sich bitter, und aller Trost war vor seinen Augen verborgen. Da der Wirt aber das Wasser brachte zum Waschen und lud ihn zum Essen, da begann der Weise und sprach: „Ich esse nicht eher, als bis du mir gesagt hast, was für Verdienst du um die Lehre hast" Da wurde der Mann verlegen und sprach: „Herr, die Zeit ist schlecht, und ich muß arbeiten das Brot zu erwerben für mich und die Meinen, sodaß ich mich nicht der Lehre widmen kann, noch die Gebote lernen und halten. Auch bin ich des Lesens unkundig." Da bedrängte ihn der Weise in seines Herzens Bitterkeit, und sprach: „Und bleibt dir neben deiner Hantierung keine Zeit, daß du an die Lehre denkest und die Gebote lernest?" Er aber antwortete: „Es bliebe wohl Zeit, aber da habe ich andres zu tun. Denn siehe, mir leben noch beide Eltern, Vater und Mutter, aber sie sind so hochbetagt, daß sie wieder hilflos geworden sind wie die Kindlein. So muß ich ihnen all die Handreichungen tun wie sie an mir taten, da ich noch klein war, ich muß sie waschen und ankleiden und füttern. Und wenn die Sonne scheint, so trage ich sie hinaus auf das Höflein, denn siehe, sie sind alt und haben keine Freude mehr, aber die Sonne wärmt lieblich ihre kalten 359

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