Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Zwei Legenden
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 360 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Else Schubert-Christaller Knochen. Und wenn der Abend kommt und die Schatten wollen sinken, so trage ich sie wieder herein und bette sie auf ihr Lager und gebe ihnen zu essen und zu trinken, und ich führe ihnen den Löffel und halte ihnen den Becher, daß sie nicht verschütten wegen ihres hohen Alters. So geht der Tag herum, und es ist keine Zeit für mich, daß ich die Gebote lerne." Während er aber so sprach, da erhellten sich die Augen des Weisen bis sie leuchteten wie zwei Sonnen über dem Angesicht des Mannes, und als er geendet hatte, hob er die Hände und sprach: „Gelobt sei Gott! heut hat er mich gelehrt: ein Gebot mit warmem Herzen zu tun ist mehr als alle Gebote zu lernen und zu erfüllen um des kalten Erfüllens willen. Und nicht zu meiner Erniedrigung sollst du neben mir sitzen im künftigen Leben, sondern es ist mir als Ehre gedacht" Und er nahm das Wasser und wusch seine Hände und lobte Gott, und sie aßen zusammen in großer Freude. Das Bild Moses. In früheren Zeiten lebte ein König, der hörte von Mose, dem großen Führer und Lehrer der Kinder Israel, und er sprach bei sich: „Wie herrlich muß dieser Mann sein, und wie schön muß sein Aussehen sein!" Es überkam ihn ein großer Wunsch, Moses Angesicht kennen zu lernen, und er sandte seinen Maler ins Lager der Israeliten, daß er ihm ein Bild male von Mose. Nach der Zeit kam der Maler zurück und brachte das Bild. Und der König rief seine Weisen und sprach zu ihnen: „Deutet mir aus dem Gesicht dieses Mannes sein Wesen." Da berieten die Weisen miteinander und deuteten und sprachen zu dem König: „Herr, dies ist das Bild eines Frevlers, denn wir erkennen in seinem Gesicht die Zeichen von Habsucht, Ungerechtigkeit und Jähzorn." Der König aber ergrimmte und sprach: „Das kann nicht Mose sein, von dem ihr so redet, denn ich höre von Mose große und wunderbare Taten, und Gott hat ihn der Anschauung gewürdigt Nicht anders, als der Maler hat mich betrogen und mir ein falsches Bild gebracht" Da schwor der Maler und sprach: „Dies ist wahrlich das Bild Moses, das ich selbst nach ihm gefertigt habe getreulich und mit allem Fleiß." Aber der König hörte nicht seine Stimme und glaubte ihm nicht, er 360