Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Zwei Legenden
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 358 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895455-2896071--00420-2896207- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Zwei Legenden mitgeteilt von Else Schubert-Christaller Eine Fülle schöner alter Geschichten findet man in Talmud und Midrasch. Doch sind sie, auch in Übersetzung, nicht leicht zu lesen, teils wegen des Ausdrucks, der zugespitzt und knapp ist wie bei einem Disput, fast gar keine erzählende Breite, ganz Inhalt, — und mehr noch, weil die ganze geistige und seelische Atmosphäre uns fremd geworden ist- Und doch, wie die armen Formen einer Wüstenlandschaft reich werden durch das Farbenspiel südlichen Lichts, so liegt auch die Hauptkraft dieser Erzählungen in dem Glutglanz, der Unbedingtheit religiöser Hingabe, die nicht in Worten zum Ausdruck kommt, weil sie selbstverständliche Lebensluft war. Tief in diese Glut hinein wurde das Erlebnis gebettet und ward hier Legende. Diese Legende läßt sich kaum übersetzen, denn dann steht sie nackt und arm vor uns und wir beklagen die Kargheit, ja sogar Plattheit, die daraus zu uns spricht. Man kann sie nur wiedei erzählen und, ohne die zurückhaltende Knappheit der Form aus den Augen zu verlieren, den Ton mitklingen lassen, der den Talmud durchrauscht. Ein Versuch dazu ist hier gemacht. Das Gebot. Ein Weiser sah im Traam seinen himmlischen Teil. Da saß er auf einem goldnen Stuhl in der Reihe der Seligen, und das ewige Licht durchleuchtete ihn, und alles Schauen war wie Gesang. Als er sich aber zu seinem Nachbar wendte, um in der himmlisch gelösten klaren Sprache seines seligen Mundes mit ihm ein weises Gespräch zu beginnen, da merkte er, daß dieser kein Weiser war, sondern ein einfacher Metzger. Aus himmlischem Licht erwachte er in die Dunkelheit der Erdennacht, er setzte sich hoch auf seinem Lager und rang nach Atem als sollte ihm das Herz brechen, und er begann mit Gott zu rechten und sprach: „Was für 358