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Der Morgen · 1925-08-01 · Heft 3 (August 1925) · p. 355

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 3 (August 1925)
Article
Einführungen in das Erste Buch Mose
Date
1925-08-01
Page
355 (sequence 8)
Language
German
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Einführungen in das erste Buch Mose Flügel der Morgenrote, wollte ich wohnen am Ende des Meeres — auch dort würde Deine Hand mich fassen, Deine Rechte mich ergreifen. Spräche ich: die Finsternis soll mich umhüllen, die Nacht mein Licht sein —, auch die Finsternis verfinstert nicht vor Dir, die Nacht leuchtet gleich dem Tag, es ist eins, ob Finsternis, ob Licht". Vor Gott gibt es nur Eine Flucht — zu Gott Zu ihr greift Kain in einem verzweifelten Aufschrei: „Ist denn meine Schuld zu groß, um vergeben zu werden?" Er fühlt sich von Gottes Angesicht verbannt — und darum wird er begnadigt Denn für wahre Reue gibt es kein unverzeihliches Vergehen. 4- Aber die Begnadigung kann auch nie in einem Erlaß, sondern höchstens in einer Umwandlung oder einem Aufschub der Strafe bestehen. Dafür gibt ihm Gott ein „Zeichen", d. h. eine Weissagung für die Zukunft Das ist der wahre Sinn des Kainszeichens, wenn man damit auch eine plastische Anschauung (wie etwa ein auf die Stirn eingedrücktes Mal) aufzugeben hat Gesühnt kann sein Vergehen nur mit seinem wenn auch noch so späten Tode werden, und jede Heimsuchung wird er als eine Abzahlung darauf zu betrachten haben. Für den Schuldigen ist das ganze noch übrige Leben Ein Sterben. So lastet ein düsterer Schatten auf dem Geschlecht des Mörders, keine Betriebsamkeit der Kultur, von deren Förderung durch die Kainiten uns Einiges erzählt wird, kann ihn verscheuchen. Noch in dem Liede des Urenkels des Enkels — der ersten Probe hebräischer Poesie mit der ihr eigenen Form des Gedankenreimes, d. h. der Wiederholung desselben Gedankens in parallelen Wendungen — lebt die grausige Tat wieder auf, und erst dessen Sohn, das siebente Geschlecht, sucht für den Gemordeten eine Sühne zu geben, indem er, eir. wiedererstandener Abel, wieder den Beruf des Hirten ergreift Noch eine konnte nicht vergessen — die Mutter. Als sie, die erste Mutter auf Erden, Kain, den ersten Weibessohn, geboren hatte, da sah sie in jubelndem Danko den Himmel offen und vermeinte Gott selbst zu umfahen. Als ihr Seth geschenkt wird, sieht sie darin zwar eine göttliche Ersatzgabe, aber ihr letztes Wort ist ihr Abel, den ihr Kain ermordet hat Mit Schmerzen sollst du Kinder gebären — zu Schmerzen 1 Eine Frage, die man nicht selten gestellt hört, sei noch beantwortet Kain nahm ein Weib — woher? da außer ihm nur noch seine Eltern auf der Welt zu sein scheinen! Die Antwort ist nicht schwer, wenn sie bei der ideellen Zeitlosigkeit der Erzählung überhaupt nötig ist Im nächsten Kapitel hören wir, daß sie nach Seth noch viele Söhne und Töchter hatten. Eine von ihnen 355

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