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Der Morgen · 1925-08-01 · Heft 3 (August 1925) · p. 356

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 3 (August 1925)
Article
Einführungen in das Erste Buch Mose
Date
1925-08-01
Page
356 (sequence 9)
Language
German
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B. Jacob muß Kains Weib geworden sein. Es ist nämlich ein redaktionelles Prinzip der Thora, die Geschichte einer Nebenlinie erst zu Ende zu führen, bevor sie mit der Hauptlinie fortfährt, womit sie bisweilen zeitlich vorgreifen mußt Also hat Kain seine Schwester geheiratet, eine Ehe, die das spätere Gesetz ausdrücklich verbietet Hier muß die Bibel sie zulassen, um den obersten Grundsatz, die Abstammung aller Menschen von Einem Paar, d. L die Einheit des ganzen Menschengeschlechts, zu retten. Das ist eine Größe der Auffassung, der wir im Gesetz noch öfter begegnen: der wahre Sinn des Satzes „keine Regel ohne Ausnahme" ist, daß diese Ausnahme eben der Ausdruck eines noch höheren Gesetzes ist, und das höhere bricht das niedere. — Auch die Fraget, wie Kain fürchten konnte, daß jeder, der ihn fände, ihn erschlagen würde, ist damit beantwortet Abzuweisen ist die kulturgeschichtliche oder ethnologische Deutung der Figur Kains, der von dem Kulturland (Palästina) in die Wüste hinweggeflucht werde, als des Stammvaters der Keniter oder Typus des uns täten Nomaden. Die Keniter waren ein den Israeliten befreundeter und von ihnen hochgeachteter Stamm, und Kain wird kein Nomade, sondern baut eine Stadt. Er ist nicht der Typus eines Stammes oder Standes, sondern eines Charakters. — Ein großer Dichter, der Russe Dostojewski, hat in einem Roman: „Raskolnikow oder Schuld und Sühne" das erschütternde Seelengemälde eines Mörders mit seltener Meisterschaft gezeichnet, wobei er auch die Mutter nicht vergessen hat Er hat zwei Bände dazu gebraucht Die Bibel hat ihr unverlöschliches Bild mit wenigen Versen vollendet Fragen wir aber, worin die Urgewalt ihrer Erzählung liegt, so kann es, da es für alle andern Momente Parallelen gibt, nur Eines sein: das Auftreten Gottes, dieses persönlichen lebendigen Gottes, der in seiner erhabenen Majestät vor und nach der Tat selber vor deD Täter hintritt Seine Worte kommen aus der Tiefe bangender Liebe und erzürnter Sittlichkeit und Heiligkeit und treffen mitten ins Herz. Sie sind die mächtigste Predigt nicht aus dem Gewissen, sondern an das Gewissen. Ja! so spricht Gott. Es gibt in keiner Literatur etwas so Gewaltiges. Für die praktische, dh. auf das sittliche Handeln gerichtete Vernunft ergibt sich hieraus eine nicht zu unterdrückende Folgerung von höchster Wichigkeit Hat etwa die theoretische Vernunft Gott günstigenfalls in einen Begriff oder Gedanken verflüchtigt, so muß die praktische Vernunft alle Anstrengung darauf wenden, den lebendigen, persönlichen Gott wiederzugewinnen, indem sie in Gebot und Verbot, in Anklage und Gericht seine Stimme zu vernehmen 356

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