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Der Morgen · 1925-08-01 · Heft 3 (August 1925) · p. 354

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 3 (August 1925)
Article
Einführungen in das Erste Buch Mose
Date
1925-08-01
Page
354 (sequence 7)
Language
German
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B. Jacob schreit von ihr zu Gott empor. Gott ist nach biblischer Lehre als Schöpfer zunächst der Vater aller Wesen, und der Notruf des Hungrigen ist ein Ruf zu ihm, als dem Versorger. „Er gibt dem Vieh seine Nahrung, den jungen Raben, wonach sie rufen." Und sodann ist er als Gott der Gerechtigkeit der Hort aller Vergewaltigten, der Annehmer aller, denen Unrecht geschieht Ihre Klagen sind nicht zwecklose Schreie ins Leere hinaus, sondern Anklagen und Berufungen, vorgebracht bei dem obersten Richter, in der Gewißheit, bei ihm Gehör zu finden. So heißt es z. B.: „Keine Witwe oder Waise sollt ihr bedrücken, sonst werde ich, wenn sie zu mir schreien, ihren Ruf gewißlich hören". Oder: „wenn du dem Armen das letzte Gewand pfändest, so werde ich, wenn er zu mir schreit, es hören, denn ich habe Erbarmen". Es gibt keine stärkere Sicherung gegen Verzweiflung, keinen gewisseren Trost als diese Überzeugung, daß es eine Allmacht gibt, die dem Recht gegen die Gewalt zum Recht verhilft und daß jeder Kampf dafür in höherem Auftrage gekämpft wird. Unser Bild vom „himmelschreienden" Unrecht dürfte aus dieser biblischen Anschauung stammen. Und wenn, wie bei Kains Tat, der Vergewaltigte stumm gemacht worden ist, so „schreit sein Blut von der Erde empor". Sie selbst fühlt sich durch jede Untat, die auf ihr geschieht, gleichfalls vergewaltigt Darum wird sie dem Mörder „ihre Kraft nicht mehr geben". Das heißt, so oft er den Pflug ansetzt, wird sein Arm kraftlos sinken. Die Kraft der Erde ist gelähmt, weil die seinige es ist Dies ist eines der zahlreichen Beispiele, wo innere, seelische Vorgänge von dem Pathos der Sprache in äußere umgesetzt werden. Denn an sich ist die Erde natürlich gefühllos, und sie würde, gut bearbeitet, dem Mörder ebensowohl Früchte bringen wie dem Tugendhaften. Erst der spätere Aberglauben und ein beschränktes Kleben am Buchstaben sind es, die keine Poesie verstehen, das Bild wörtlich fassen, das Wort beim Wort nehmen, den Gedanken materialisieren, und Bild und Symbol zum Fetisch und Idol machen. Unter dieser unzulänglichen Betrachtungsweise hat ganz besonders die Bibel zu leiden gehabt Ähnlichkeiten der Vorstellungen; und des Ausdrucks, die man bei andern, namentlich den primitiven Völkern nachwies, sollten Zeugnisse für jene massive Denkweise auch der Bibel sein. Aber im Anfang war das Bild, und zudem läge eine rohe Urzeit, der sie zuzutrauen wäre, weit vor selbst den ältesten Teilen der Bibel So also kann Kain Gott so wenig entfliehen wie sich selbst „Wohin soll ich gehen vor deinem Geist und wohin fliehen vor deinem Angesicht? Stiege ich gen Himmel, so bist du dort, bettete ich mich in der Unterwelt, siehe: Du dort! Nähme ich 354

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