Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Einführungen in das Erste Buch Mose
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 353 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Einführungen in das erste Buch Mose jedes Amt, jede übertragene Arbeit und Tätigkeit im Sinne einer rechtlichen und moralischen Verantwortung wie für ein anvertrautes Gut und Kleinod und selbst auf die Beziehungen der Menschen zu einander, sondern sogar auf die Aufsicht über sich selbst angewandt werden kann: Wo bist du? Du warst dir selbst anvertraut, wohin hast da dich verloren? Wie denn auch wir sagen: Hüte dich! Die andere Auffassung aber fragt: Was geht mich mein „Bruder" an? Habe ich ihn dazu gemacht? Habe ich mich verpflichtet, ihn zu hüten? Es ist mit dem trotzigen, großgeschriebenen Ich am Ende des Satzes (der Hüter meines Bruders Ich?!) das klassische Bekenntnis des „Ego'lsmus. Wir sehen also Gott hier im Gespräch mit Kain, ebenso wie in der Paradieserzählung mit dem ersten Menschenpaar. Verlangt man etwa nach einem menschlichen Dolmetsch der Gottesstimme, so fehlt es nicht an einem Winket Am Ende des Kapitels wird berichtet, wie den Eltern ein anderer Sohn geboren wird und die Mutter ihm einen Namen gibt: „denn Gott hat mir einen andern Sohn gesetzt, für Abel, denn ihn hat gemordet Kain". Sie weiß also, wer der Mörder ihres Sandes ist — ihr anderer Sohn! Und wie sollte sie nicht! Das Mutterauge sieht scharf. Sie wird die erste gewesen' sein, die schon die Veränderung in dem Wesen des Älteren wahrnahm und Unheil ahnte, die warnte. Und als Kain allein heimkehrte, mußte ihre erste Frage sein: wo ist Abel, dein Bruder? Das ist die Blindheit und Beschränktheit des überleglesten und verschlagensten Verbrechers, daß er die eine Kleinigkeit vergißt oder übersieht: daß sein Opfer einen Eigentümer hat, der nach dem anvertrauten Pfände fragen wird. Die Stimme der Eltern, des Herrn ist auch die Stimme des „Herren". 3. Und doch ist Kains Antwort nur ein ohnmächtiger Versuch des bösen Gewissens, auszuweichen und zu leugnen. Vor der Anklage des Allwissenden bricht er zusammen, und das göttliche Verdammungsurteil wird zur Selbstverdammung des Mörders. Er möchte fliehen und er kann es nicht, er muß fliehen und es nützt ihm nichts. Wo auch immer er sich befinden wird, so wird er stets über sich den Himmel, Gottes strafendes Auge, und unter sich die Erde haben, die ihm zuruft: Mörder! Himmel und Erde, die jedes Menschenleben überdauernden, sind nämlich nach biblischer Vorstellung als Gottes Geschöpfe und gehorsame Diener sowohl die unvergänglichen Zeugen, die er für seine Mahnungen anruft als auch die eifrigen Diener seines Gerichtes, Ankläger und Vollstrecker, wohl die großartigste und wirkungsvollste Verkörperung des Gewissens. Insbesondere wird von der Erde ausgesagt: das vergossene Blut «-•