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Der Morgen · 1925-08-01 · Heft 3 (August 1925) · p. 352

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 3 (August 1925)
Article
Einführungen in das Erste Buch Mose
Date
1925-08-01
Page
352 (sequence 5)
Language
German
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B. Jacob Wesens die Achtung des Andern, seines Lebens, seiner Ehre, seines Eigentums. Die Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott besteht nicht bloß darin, daß er sich selbst als Ebenbild betrachtet, sondern sich im Nebenmenschen als solches wiedersieht Es ist das mehr oder weniger lebendige Gefühl, daß der Mensch ein Heiligtum ist, an dem er sich nicht vergreifen darf. Das geschriebene Gebot: „du sollst nicht morden!" ist nur die Wiedergabe eines ungeschriebenen, in den Herzen ruhenden, und wer es nie aus anderm Munde vernommen hätte, müßte ein inneres Grauen überwinden, die Hand wider einen Menschen zu erheben. Wie es aber dennoch Mörder geben kann, zeigt Kain. Er ist ihr Vorbild, in den Beweggründen, in dem Verhalten, in der Strafe. Neid, Haß, Wut verdunkeln ihm Vernunft und Sinne, er kann nicht mehr frei und offen blicken, für die göttliche Mahnung ist er unzugänglich, das Brüten seiner finsteren Gedanken gilt nur noch der Gelegenheit und Ausführung der schwarzen Tat; so lauert er dem arglosen Bruder auf und erschlägt den sanften Hirten. Greller konnte nicht gezeigt werden, daß der Mörder ein Wahnsinniger ist. Er mordet den Bruder, weil dessen Opfer Gott genehmer war; glaubt er jetzt dessen Stelle bei Gott zu erhalten? Aber kaum ist die Tat vollbracht, da erwacht das eingeschläferte Gewissen, und niederschmetternd dröhnt ihm die Anklage ins Ohr. Ein andres Antlitz hat die bedachte, ein andres die vollbrachte Tat Die Leidenschaft ist verflogen, die Klügelei verstummt Was vermag er zu sagen auf die Gottesfrage voll Empörung und Schmerz: Wo ist dein Bruder? Natürlich weiß Gott um Abel, so gut er wußte, wo Adam sich versteckt hatte, als er ihn rief: wo bist du? Der Vorwurf und die Anklage, die in solchen Fragen liegen, erhalten ihren vollen Sinn erst, wenn man weiß, daß dies im Hebräischen die Formel ist, mit der ein zur Aufbewahrung übergebenes Gut zurückgefordert wird. Dies hat denn auch Kain sehr wohl herausgehört, wenn er antwortet; bin ich denn der Hüter meines Bruders? — Allerdings bist du es! Das eben ist der Gegensatz der göttlichen und der selbstischen Auffassung des Bruderverhältnisses. Bruder sein und einen Bruder haben ist Verpflichtung. Das natürliche Band soll ein sittliches sein, denn beide Ordnungen hat derselbe Schöpfer gesetzt. Die Stimme des Blutes soll die Stimme des Herzens und der Liebe werden. Dabei ist das Wort „Bruder" im Hebräischen noch nicht so abgeschliffen und abgegriffen, es hat noch die frische Prägung der Natur und die Blutwärme der Entstehung. Das Wort „Hüter" aber hat eine so weitreichende Geltung, daß es nicht nur auf 352

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