Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Staat und Erziehung
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 344 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895455-2896068--00403-2896193- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Otto Melier der Staat seine Grenzen findet, räumlich-zeitlich und wesentlich, da ist der Mensch noch lange nicht zu Ende; fast könnte man sagen, daß der Mensch da erst beginnt Und deshalb ist es freventlich, wenn man den Menschen seiner höheren und ewigen Bestimmung entziehen will, um ihn ausschließlich einer zeitlichen unterzuordnen, da doch das Zeitliche vom Ewigen her erst Sinn und Kraft empfängt Von dort her ist auch Staatsdienst Grottesdienst, während er vom Ewigen losgelöst, rein auf den Staat bezogen, zum Götzendienst verzerrt wird. Du sollst dir kein geschnitztes Bild machen um es anzubeten. Das geschieht, sobald wir ein Bedingtes, und dazu gehört der Staat wie alles Irdische, zum Unbedingten erheben, wenn wir ihm in der Verehrung und Anerkennung einen Platz zuweisen, der allein dem Ewigen, Unerschaffenen zukommt Das ist der Irrtum völkischer Kreise, daß sie Staat und Volk nicht mehr in ihrer zeitlichen Abhängigkeit sehen, daß sie nicht begreifen, daß es noch Höheres gibt, dem beide dienstbar sein müssen. In den gleichen Fehler verfallen aber auch alle diejenigen, — mögen sie parteipolitisch die größten Gegner der Völkischen sein — die aus Staat und Volk die letzten Maßstäbe für die Erziehung ableiten wollen und dem Staat ein unmittelbares, unbedingtes Erziehungsrecht zuschreiben, wo er doch nur ein subsidiäres besitzt, falls die eigentlichen Erziehungsberechtigten versagen. Erziehung gründet und gipfelt zunächst im Menschlichen und nicht im Politischen, und die Familie steht dem Menschlichen näher als der Staat Und immer wenn die Erziehung nicht schließlich auf das Menschliche, ja auf den letzten unbedingten Wert, auf das Göttliche geht, wird sie ihr Ziel verfehlen. Es ist ein merkwürdiges Geheimnis um alles Lebendige, daß es seine Eigentümlichkeiten nur offenbart, wenn sie als solche nicht erstrebt und erpreßt werden. Ein Künstler, der die Orginalität seiner Persönlichkeit in seiner Kunst darzustellen sich müht, wird zum Narren, der seinem eigenen Schatten nachjagt; hingegen wird sich sein Wesen umso reiner und eigenartiger erschließen, je mehr es ihm um Schlichtheit gegenständlicher Darstellung zu tun ist Das gleiche gilt vom Gelehrten. Jede wissenschaftliche Tätigkeit aber wehe der Gelehrtenkarikatur, der das persönliche Gepräge wichtiger als die Wahrheit wäre! Und Ähnliches gilt ganz allgemein vom Menschen überhaupt, vom Volk und vom Staat Dessen Eigenart kommt um so klarer zu Tage, je mehr er der Wirklichkeit und der von ihr gestellten Auf- 344