Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Staat und Erziehung
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 345 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Staat und Erziehung gäbe hingegeben ist Je größer die Objektivität, desto reiner und ursprünglicher das Persönliche, wie ja auch der Spiegel am reinsten ist und damit am meisten dem Wesen des Spiegels entspricht, in dem alle Dinge sichtbar werden, ohne daß er selber dabei zum Vorschein kommt Und so wird staatsbürgerliche Gesinnung auch besser erreicht, wenn die Erziehung ganz allgemein auf Wahrheit, Schlichtheit, Lauterkeit, Liebe und Hingabe gerichtet ist, als wenn sie unmittelbar zum Erziehungsziel erhoben wird. Ja selbst diese Tugenden verkehren sich zu Untugenden, wenn sie nicht einem höheren Ziel, der Gottesfurcht und Gottesliebe, ein- und untergeordnet werden. Hoffen wir deshalb nicht, staatsbürgerliche Gesinnung oder gar Vaterlandsliebe zwangsweise aufoktroieren zu können, und geben wir Schule und Erziehung wieder frei! Der Staat wird darunter nicht in die Brüche gehen,, sondern von seinen Bürgern um so mehr geschätzt und geliebt werden, je mehr er ihnen gestattet, in ihren Kindern ihr besseres Selbst zu verwirklichen., Die Staatsschule braucht deshalb nicht zu verschwinden. Aber sie muß aufhören, Zwangsanstalt zu sein; sie muß vielmehr getragen sein von dem freien Willen und der Überzeugung der Eltern, daß sie den Vorzug verdient vor anderen Anstalten. Wir können es uns nicht leisten, der privaten Initiative auf dem Gebiet der Erziehung den Weg zu versperren. In unserem heutigen Schulwesen ist nicht alles so vorzüglich, daß es keine Besserung und Aufmunterung vertragen könnte. Ersticken wir nicht jeden Versuch im Keim! Die Forderung der Einheitsschule ist aus Ressentiment geboren. Trotz aller Gegensätze lebt in unserem Volk — sonst wäre es ja kein Volk — eine letzte Einheit Die will im Lauf der Geschichte sich gestalten, zur Freiheit in die Höhe wachsen. Wer an sie glaubt, gibt die Wege zu ihrer Entwickelung frei. Und nur wer an ihr zweifelt, wird sie mit Gewalt durch staatliche Zwangsmitteln herbeiführen zu wollen. Der Gläubige ist auch hier der wahrhaft Freie und Schöpferische. Der Ungläubige dagegen lebt in Furcht und gebiert aus ihr das Furchtbarste, die Vernichtung der Freiheit und die Vergewaltigung der Gewissen seiner Mitmenschen. Vielleicht zwingt die finanzielle Not den Staat, seine Pflöcke etwas zurückzustecken und der Gesellschaft allmählich wiederzugeben, was allein auf ihrem Boden gedeihen kann. Vielleicht drängt auch der neue Zeitgeist den Staat zu größerer Bescheidenheit Wer einsieht, daß 345 22